SDC14778Ist Schweden wirklich so düster und trist, wie es in Romanen und Filmen immer erscheint? Diese Frage kann Franziska Olm beantworten. Die Doktorandin an der medizinischen Fakultät der Lund University lebt seit einem Jahr im Süden des Landes: »Hier in Südschweden ist der Unterschied zu Deutschland nicht sehr groß. Nur durch die Nähe zur Ostsee gibt es viele Wolken und öfter mal starken Wind. Weiter nördlich sind die Unterschiede größer, aber was man im Winter an Helligkeit verliert, bekommt man ja im Sommer zurück – es fühlt sich nur nicht immer so an. Aber die kalten, dunklen Monate können der Laune schon zu schaffen machen, das ist wahr.«
Bereits während ihres Studiums verbrachte Franzi ein Auslandsjahr an der Uni Lund. »Schwedens Uni-System ist unserem ähnlich, sodass ich gut meine Vorstellungen an Kursen umsetzen konnte. Aber vor allem wollte ich mein Englisch aufbessern, denn das spricht hier fast jeder fließend.« Nach dem Studium bot sich ihr die Möglichkeit, in Lund ihre Doktorarbeit zu schreiben – diese hat sie sofort ergriffen.
Inzwischen hat sich Franzi gut eingelebt. »Die erste Zeit war natürlich aufregend, da Lund international ist und man Leute aus aller Welt trifft«, erzählt sie. »Aber die Kultur ist der deutschen sehr ähnlich, und alle sind sehr freundlich. Es war also kein Problem, sich schnell heimisch zu fühlen.« Neben den Gemeinsamkeiten weist das Land im Norden aber auch einige Besonderheiten auf: »Schweden stehen gerne an, für alles wird eine Nummer gezogen und artig gewartet, bis man an der Reihe ist. Es ist in Schweden generell nicht üblich, aus der Reihe zu tanzen. Daher tragen die Meisten gern schwarze oder dunkle Kleidung, um nicht aufzufallen. Und Sport treibt fast jeder regelmäßig, man sieht Läufer zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter. Sobald sich die Sonne blicken lässt, ist sowieso jeder draußen, in möglichst kurzen Klamotten.« Eine Tradition, die den Schweden besonders wichtig ist, ist die »Fika«: »Man trifft sich mit Freunden, Familie oder Kollegen zum Kaffee und zum Snack, wann immer es geht und zu jeder Tageszeit. Dieser Brauch schwappt hoffentlich bald nach Deutschland über.«

P1040935_02 Zu ihrem Heimatland Deutschland bemerkte Franzi schnell manchen Unterschied. »Schweden ist sozialer geprägt und familienfreundlicher. Niemand denkt, er wäre besser als der andere, was das Miteinander wesentlich angenehmer macht. Dadurch fühlt sich auch der Abstand zwischen den Gesellschaftsschichten geringer an. Und Job und Privatleben lassen sich hier besser vereinbaren. Außerdem gehen die Schweden bewusster und sorgfältiger mit der Natur um als wir. Die Menschen scheinen auch bewusster zu leben und mehr auf sich zu achten.« Umgekehrt halten die Schweden Deutschland für zu »voll« mit Menschen und für zugebaut, sodass die Natur zu kurz kommt. »Ansonsten liegt Deutschland auf dem Weg in die Skigebiete und ist ein gutes Land für Wochenendtrips oder um Alkohol einzukaufen. Allerdings mögen Schweden ›Lidl‹, was es hier auch gibt, nicht so, weil die Waren nicht die beste Qualität haben im Vergleich zu anderen nordischen Supermärkten.«
Seit sie in Schweden ist, hatte Franzi schon einige tolle Erlebnisse. »Das Winterwunderland in Lappland und die Polarlichter muss man mal gesehen haben, dort erlebt man einen richtigen Winter mit allem drum und dran. Auch die wilden Rentiere, die dort wie bei uns die Rehe sind, waren fantastisch.« Etwas ganz Besonderes war es für sie, viele Freunde aus aller Welt zu finden und vor allem viel zu Reisen. »Stockholm ist wirklich eine wunderschöne Stadt, und auch Göteborg mit den Schären ›vor der Tür‹ war umwerfend. Malmö hat ebenfalls einen ganz besonderen Charme, genauso wie die vielen kleineren Städte der Umgebung, beispielsweise Ystad mit Ales stenar in der Nähe, Helsingborg oder Kristianstad. Und Kopenhagen ist nur einen Katzensprung von Lund entfernt.« Außdem gibt es viele Naturreservate mit Wanderwegen, sodass vom Städtetrip bis zum Natururlaub in Schweden manches zu entdecken ist.

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Obwohl Franzi ihre Freunde und Familie in Deutschland gelegentlich vermisst, kann sie sich gut vorstellen, für immer in Schweden zu bleiben: »Es kann sehr angenehm sein, wenn man nicht alle Gespräche um sich rum versteht«, sagt sie lachend. »Davon mal abgesehen ist die Lebensqualität hier sehr hoch. Außerdem ist das Land selbst sehr schön und nicht allzu weit von der Familie weg. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt – vor allem auch jobtechnisch.«

 

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