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Foto: Macchiato Pictures

In der Komödie ›Nicht schon wieder Rudi!‹ helfen drei Männer ihrem Freund, seinen Hund zu suchen – der allerdings ist schon seit zwei Jahren tot. Das Besondere an diesem Film über Demenz ist, dass er nicht nur das reguläre Kinopublikum, sondern auch Betroffene anspricht. Während die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen mit Demenz normalerweise maximal 25 Minuten beträgt, folgte eine Testgruppe problemlos 90 Minuten der spannenden Suche nach dem Vierbeiner Rudi. Die Komödie, die im April auf DVD erschien, wurde in Flecken Zechlin, Biesenthal und Rheinsberg gedreht. friedrich sprach mit Regisseur und Drehbuchautor Ismail Sahin und Sabine L. Distler, Dipl. Psychogerontologin/Dipl. Sozialpädagogin, unter deren Beobachtung der Film Demenz-Kranken gezeigt wurde.

Herr Sahin, woher hatten Sie die Idee zu dem Film? Beruht die Story auf wahren Begebenheiten?
Ja. Es sind verschiedene Dinge zusammengekommen. Zum einen war es so, dass ich in meiner Nachbarschaft eine ältere Dame hatte, die an Demenz erkrankt ist, was ich aber zunächst gar nicht mitbekommen hatte. Wir waren immer zusammen mit unseren Hunden spazierengegangen, aber irgendwann grüßte sie mich nicht mehr und kam auch nicht mehr mit. Dann wurde sie von ihrem Mann begleitet, und er grüßte mich noch, seine Frau nicht mehr. Später, als sie nicht mehr da war, habe ich von ihrem Mann erfahren, dass sie an Demenz erkrankt ist. Er erzählte mir dann auch, dass er sie nicht mehr pflegen konnte und sie im Heim ist und dass sie sich nur noch an den Hund erinnert und darüber Erinnerungen an ihn und die Kinder wach wurden. Interessant war auch, dass sie gar nicht so alt war, erst 61. Wenn Menschen früh an Demenz erkranken, verläuft die Krankheit sehr viel schneller als bei Älteren. Eine weitere Begebenheit, die mit einfloss, war, dass ein guter Freund von mir jahrelang seinem Hund hinterhertrauerte. All diese Sachen sind also aus meinem Leben und meinem Alltag gegriffen.

War der Film ursprünglich für Demenz-Kranke konzipiert?
Unser Zielpublikum war von vornherein 40, 50 plus. Wir wollten einen ruhig, aber auch charmant und sehr humorvoll erzählten Film, der respektvoll mit dem Thema Demenz umgeht. Aber wir hatten weniger Menschen mit Demenz, sondern eher deren Angehörigen vor Augen, und dabei zugleich auch ein reiferes Publikum. Deshalb haben wir auch eine ruhige Bildsprache mit wenigen Schnitten und langen Kameraeinstellungen gewählt, die man auf sich wirken lassen kann, sodass man nicht durch die Geschichte gehetzt wird, sondern teilhaben kann. Und es war uns wichtig, das Wort ›Demenz‹ kein einziges Mal fallen zu lassen, sondern alles durch die Bilder zu erzählen. Dieses Konzept erstreckt sich in alle Bereiche: bei der Wahl der Musik, der Locations und der Schauspieler.

Welche Drehorte haben Sie gewählt? Gab es besondere Locations?
Wir haben in Flecken Zechlin und in der Nähe von Bad Saarow am Ahrensdorfer See gedreht. Hier gab es auch eine tolle Hütte, die einem Förster gehörte. Der hat uns da tagelang drehen lassen. Viele Szenen spielen an dieser Hütte am See. Brandenburg hat viele malerische, märchenhafte Landschaften. Und der Film ist auch märchenhaft erzählt, um die Welt von Menschen mit Demenz darzustellen und ein gewisses surreales Element mit hineinzubringen.

Welche Musik haben Sie ausgewählt und wonach?
In dem Film geht es um Freunde, die in den 60er Jahren eine innige Beziehung hatten. Wir haben uns gefragt, was damals gespielt wurde und was bei den Menschen gut ankam. Und dann haben wir ein finnisches Stück gefunden, das ›Let’s dance‹ heißt. Das war Ende der 60er, Anfang der 70er in Deutschland sehr bekannt. Es gab dazu sogar eine eigene Choreografie. Wir fanden, dass diese Musik genau das Richtige ist, um diese Freundschaft, diese Erinnerungen und das Gefühl dieser Zeit rüberzubringen. Von diesem Stück haben wir sämtliche musikalische Themen abgeleitet.

Was sind Ihre nächsten Projekte? Geht es weiter in Richtung ›Demenz-Film‹?
Generell mache ich einfach Filme über Themen, die mich sehr beschäftigen. Zu der Zeit war es das Thema Demenz. Heute beschäftigt mich Integration und Migration, wegen Dingen, die ich erlebt habe. Ich möchte eine Geschichte erzählen, die in den 70er Jahren spielt, dann auch in den 80er und 90er Jahren. Es soll um eine junge Frau gehen, die nach Deutschland kommt, um ein selbstbestimmtes, modernes Leben zu führen, aber durch die Parallelgesellschaft, die ihre Landsleute in Deutschland darstellen, ganz schnell an Grenzen stößt. Ich möchte zeigen, dass Integration nicht nur wegen der Politik nicht funktioniert hat, sondern auch wegen der Strukturen unter den Einwanderern selbst. Das ist ein ganz aktuelles Thema. Mir geht es darum, das Wiederholen von Fehlern zu vermeiden und Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

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Klaus (Oliver Marlo), Peter (Frank Auerbach), Bernd (Matthias Brenner) und Murat (Ismail Sahin) versuchen, die Dinge auszudiskutieren, Foto: Macchiato Pictures

Frau Distler, wie stellte sich heraus, dass gerade Menschen mit Demenz so gut auf den Film reagieren?
Bei der Filmpremiere letzten Oktober mit Experten aus der Gesundheitsbranche gab es ein Aha-Erlebnis. Eine Zuschauerin sagte zu mir: ›Meine Mutter war dement und ist letztes Jahr verstorben. Hätte sie den Film gesehen, hätte sie sich köstlich amüsiert‹. Da fragten wir uns: Könnte man ›Rudi‹ Menschen mit Demenz zeigen? Hätten sie Spaß daran? Im Gegensatz zu ›Honig im Kopf‹ ist ja ›Rudi‹ kein Film über Demenz, denn die Krankheit wird darin nicht erwähnt. Sie bildet nur den Hintergrund. Und dann haben wir im Januar dieses ›Experiment‹ unternommen und 60 Menschen mit Demenz eingeladen. Als Gerontologin war ich neugierig, ob sich durch Beobachtung etwas über bestimmte Dinge herausfinden ließe. Erstaunlich war, dass sich alle den ganzen Film angeschaut haben und das Kinoerlebnis sichtlich genossen. Wir haben uns anschließend mit Regisseur Ismail Sahin unterhalten, und interessanterweise war es tatsächlich sein Ziel gewesen, im Film Langsamkeit zu demonstrieren: durch langsame Schnitte, lange Überblendungen, ruhige Szenen. Der Film sollte zum Entschleunigen einladen. Und genau das scheint auch Menschen mit Demenz angesprochen zu haben. Meines Wissens gibt es bisher keine ›normalen‹ Spielfilme für Menschen mit Demenz, die sie sich im Kino mit ihren Angehörigen anschauen können. Wir vom ›Curatorium Altern gestalten e. V.‹ möchten nun herausfinden: Was genau hat bei ›Rudi‹ die Menschen angesprochen? Und: Können wir dort ansetzen und weiterforschen? Denn wenn wir selbst mal daran erkranken, möchten wir uns vielleicht trotzdem im Kino noch einen Film ansehen.

Woran lag die Wirkung bei ›Rudi‹?
Es gibt im Film ein paar Einstellungen, wo die Köpfe auf der Leinwand sehr präsent sind und große emotionale Inhalte zu sehen sind. Alles, was mit Emotionen zu tun hat, spricht Menschen mit Demenz an: Mitleid, Liebe, Wut. Komplexe Inhalte und verschiedene Filmebenen sind schwierig. Und bei ›Rudi‹ war es diese Geschichte über den Hund, der gesucht wird. Manche hatten noch nach ein, zwei Stunden diesen Rudi im Kopf. Die Experten haben den Film eher abstrakt betrachtet und etwa gefragt: ›Wie hat der Regisseur die Demenz dargestellt?‹ Die Zuschauer mit Demenz haben sich ganz konkret darüber unterhalten. Sie haben Ismail Sahin gefragt: ›Wo haben Sie das gedreht?‹ und ›Wer war denn die hübsche Frau im Film?‹. Insofern denke ich, ist dem Regisseur etwas Außergewöhnliches gelungen …

… wobei der Zufall ein wenig nachgeholfen hat.
Stimmt. Sahin hatten zwar konkrete Vorstellungen über den Film. Aber im Nachhinein haben wir durch diesen Zufall etwas, womit wir weiterarbeiten können. Für künftige Projekte können wir analysieren, wie genau er die Musik eingesetzt und wie er Emotionen dargestellt hat. Ich denke, es ist für Filmemacher jetzt wichtig, sich auf eine neue Zielgruppe im Alter und auch mit Demenz einzustellen.

Eine besondere Rolle bei ›Rudi‹ spielte offenbar die Tierliebe.
Ja, hier war es speziell Tierliebe, aber grundsätzlich gilt das für alle Formen von Liebe. Tierliebe ist ja auch eine Form von Liebe, gekoppelt mit Zuwendung und Verbundenheit. Deswegen funktioniert Aufmerksamkeit mit Tieren sehr gut. Noch wirkungsvoller ist es, wenn der Kindaspekt hinzukommt. Wie sich herausstellte, werden Szenen mit Kindern und Tierwelpen die Emotionen bei Menschen mit Demenz noch stärker getriggert.

Wie haben Sie die Zuschauer ausgesucht? Und welche Art Kino haben Sie gewählt?
Das waren alles Senioren aus drei Heimen hier bei uns in Nürnberg. Wir haben uns für ein öffentliches städtisches Kino entschieden, in dem auch Barrierefreiheit gegeben war. Solche Dinge sind zu beachten, denn es gibt wenige Veranstaltungen für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wir entwöhnen diese Menschen von kultureller Teilhabe …

… was umso bedauerlicher ist, als allein das Kinoerlebnis den Gästen Spaß gemacht hat.
Genau. Aber ein schöner Effekt unseres ›Veranstaltung‹ ist jetzt schon, dass diese Pflegeheime seitdem so oft wie möglich Kinobesuche organisieren.

Gibt es konkrete Bestrebungen für weitere Filmproduktionen, die auf Ihren Forschungen zu ›Rudi‹ basieren?
Wir sind momentan dabei, verschiedene Projekte bei Bund und Ländern zu initiieren. Ich möchte intensiver mit Film- und Medienschaffenden zusammenarbeiten, um herauszufinden, welche Aspekte Menschen mit Demenz ansprechen. Allerdings sollen nicht nur Filme entstehen, die nur für diese geeignet sind. Es ist unsere gemeinschaftliche Aufgabe, eine Umwelt und Kulturangebote zu gestalten, in der und mit der sich alle wohlfühlen. Und ›Rudi‹ gefällt ja auch Menschen ohne Demenz, das ist das Großartige daran. Deshalb sollten idealerweise Filme entstehen, die vielen Menschen gefallen, aber eben auch bei Demenz. Es funktioniert ja, wenn überlegt Filme gemacht werden. Deshalb versuchen wir vom Curatorium, Netzwerke aufzubauen, damit verschiedene Professionen wie Medienwissenschaftler und Gerontologen bei interdisziplinären Projekten zusammenarbeiten.

 

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