IMG_5824

IMG_5552
Fotos: Max Almstädt

Sie liegt mitten im idyllischen Grunewald: die ehemalige Abhörstation auf dem Teufelsberg. Hier versuchten die westlichen Alliierten mit Satellitenschüsseln, den Funkverkehr der DDR und der Sowjetunion sowie deren Armeen abzuhören. Das Areal, das heute verschiedene Kunstprojekte wie die Graffiti-Galerie beherbergt und zu einem Denkmal für Kultur und Nachhaltigkeit ausgebaut werden soll, war bis zur Wende ein Hotspot des Kalten Krieges. friedrich hat mit dem Amerikaner Christopher McLarren gesprochen, der Nachrichtendienstler bei der U.S. Army war und von 1973 bis 1975 auf dem Teufelsberg arbeitete. Seit vier Jahren erzählt der heute 71-jährige Wahl-Berliner bei regelmäßig stattfindenden Führungen über seinen ehemaligen Arbeitsplatz.

Mister McLarren, was genau war hier Ihre Funktion?
Ich war ›Traffic Analyst‹, das heißt, die Signale wurden aufgenommen und Abschriften davon gemacht. Mein Team hat die Abschriften bekommen, und dann sollten wir feststellen: Wer ist das und was hat derjenige vor.

Wie sah Ihr Berufsalltag aus?
Wir saßen in normalen Büros, nur die Sache, mit der wir uns beschäftigten, war etwas Besonderes. In den 70er Jahren gab es schon Computer, aber es wurde noch viel mit Papier und Bleistift gemacht. Wir hatten Bücher über die NVA und die Rote Armee, und ich habe auch noch mit Pappkarten gearbeitet. Unsere Aufgabe war es, die Signale zu interpretieren. Wir hatten ja immer nur Bruchteile von Informationen, und die mussten zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Für uns war es wichtig zu wissen, wie NVA und Rote Armee aufgebaut waren, was ihre Praktiken waren, wie sie an militärische Probleme herangegangen sind und wie sie sich bei einem Angriff verhalten. Im Prinzip eine langweilige, langwierige Arbeit, die aber wichtig war.

War das für Sie ein Job wie jeder andere?
Eigentlich schon, es war ›Papierkram‹. Die Arbeit als solche war etwas ganz Normales. Es war Puzzle-Arbeit, man musste das gewonnen Wissen durchdenken, Referenzquellen zum Abgleichen hinzuziehen usw.

Aber Sie dachten nicht ständig, dass als nächstes vielleicht die Information kommt, die den dritten Weltkrieg bedeutet …
Wir dachten nicht ständig daran, aber die Gefahr bestand immer. Wie im August 1984, als nach Reagans allwöchentlicher Rundfunkrede dessen Mikrofon aus irgendeinem Grund noch an war. Reagan erlaubte sich einen Spaß und sagte so was wie: ›Die SU soll aufgelöst werden, wir greifen sie demnächst an.‹ Davon hatten die Sowjets Wind bekommen und ihre Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Sie wussten nicht, dass das nur ein Witz war. Hier bei uns wurde registriert, dass der Militärfunkverkehr plötzlich gar nicht wie üblich ist. Das wurde Washington mitgeteilt, dort wurde mit Moskau Verbindung aufgenommen und die Lage entschärft.
Deswegen halte ich es für wichtig, dass sich die führenden Köpfe der Länder persönlich kennen und Verständnis füreinander haben. Wenn man sich kennt, gibt es weniger Missverständnisse. Ich nehme an, die Sowjets hielten Reagan für einen vernünftigen Kerl, der nichts Unüberlegtes tut. Darum befürworte ich es, Geheiminformationen zu sammeln. Denn ein Staatschef braucht möglichst viele Informationen, um das Verhalten eines anderen Staatschefs richtig zu interpretieren.

Kam es während Ihrer Zeit hier zu brenzligen Ereignissen?
Während meiner Zeit gab es kaum Krisen, außer den Jom-Kippur-Krieg. Da waren wir Amerikaner weltweit in Alarmbereitschaft. Wir standen Gewehr bei Fuß, weil wir nicht wussten, was als nächstes passiert. Aber davon abgesehen war die Lage durch Abkommen relativ stabil.

Bei Ihrer Führung erzählen Sie von James Hall, einem Amerikaner, der auf dem Teufelsberg gearbeitet hat und aus reiner Geldgier Informationen an die DDR und die SU verkauft hat. Er wurde wegen Spionage zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt, von denen er 22 Jahre tatsächlich verbüßte. Kannten Sie Hall persönlich?
Nein, der hat nach meiner Zeit hier gearbeitet. Ein cleverer Mann, dem viele vertraut haben. Das hat er ausgenutzt, um durch das Liefern von Geheiminformationen Geld zu verdienen. Letztlich ist es nie zu einem Krieg gekommen, aber ein General von uns sagte mal: ›Wäre in den 80ern ein Krieg in Mitteleuropa ausgebrochen und der Warschauer Pakt hätte diese Informationen gehabt, wären die Sowjets entweder bis zum Ärmelkanal durchmarschiert oder wir hätten Atomwaffen einsetzen müssen‹. Und wie wir im Nachhinein wissen, hatte die NVA vollausgearbeitete Pläne, falls ›irgendwann nötig‹, in Westberlin einzumarschieren. Sie war darauf hervorragend vorbereitet. Die Nachrichtendienste hatten viele Informationen gesammelt, es gab ostdeutsche Drehteams, die in Westberlin U-Bahn- und S-Bahnstationen gefilmt haben. Man kannte sämtliche Brücken und wusste, mit wie viel Gewicht der Panzer man über welche Brücke fahren konnte. Westberlin sollte in 24 Stunden eingenommen werden, damit die NATO keine Zeit zu reagieren hatte. Außerdem hätten nur ostdeutsche Streitkräfte angegriffen, sodass in der NATO viele gesagt hätten: ›Das ist eine deutsch-deutsche Angelegenheit, die geht uns nichts an‹. Aber auf der Westseite waren wir natürlich auch vorbereitet, Westberlin zu verteidigen.
Leider stehen wir heute vor einer ähnlichen Entwicklung, dass wir uns Gedanken über Krieg in Europa machen müssen. Dessen muss man sich bewusst sein und alles dafür tun, dass es nicht noch mal zu so etwas kommt.

Radarstation auf dem Teufelsberg
Teufelsseechaussee 10
14193 Berlin
neue.teufelsberg-berlin.eu

 

Kommentare sind geschlossen.