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Foto: Jo Schwab

›Hell‹ ist einer der bedeutendsten Techno-DJs der ersten Stunde. Seit über 30 Jahren jettet er durch die Welt, um vor seinen Fans aufzulegen. Als sich die Berliner Technoszene formierte, hätte keiner gedacht, dass der Untergrund, aus dem damals alles hervorging, sich so etablieren würde und 2016 massenweise Touristen in die deutsche Hauptstadt strömen, um die beliebten Clubs und Resident DJ Hell zu erleben. Der gebürtige Münchner hat die Clubszene in seiner Heimat und in Berlin derart beeinflusst und geprägt, dass er als echtes Urgestein und Mitbegründer des deutschen Techno nach einigen Jahrzehnten noch immer wie kaum ein anderer gefeiert wird. Entgegen den Klischees der Szene verzichtet ›Hell‹ auf Drogen, Zigaretten und Alkohol. Wie er es geschafft hat, international durchzustarten, verrät er friedrich.

Du bist einer der Begründer der Technoszene, bist DJ der ersten Stunde. Dieser Moment, in dem eine Szene geboren wurde, die es so nie gegeben hat, war sicherlich einmalig. Wenn man sich heute die Clublandschaft anschaut, hat sich ja einiges verändert. Wie fühlt es sich für dich nach so vielen Jahren an? Macht sich da Wehmut in Gedanken an gute alte Zeiten breit?
Es war natürlich eine ganz andere Zeit. Als wir früher in den Clubs Techno auflegten, war das alles total neu. Es kamen lediglich ein paar Freunde abends zum Feiern vorbei. Einen Feier-Tourismus, wie es ihn heute gibt, gab’s damals nicht. Es war eine abgegrenzte Community. Keiner von uns hätte gedacht, dass wir 2016 noch immer hier sitzen und weiter über das Thema referieren. Dass Berlin einmal zum Mekka einer neuen Generation, zu einer weltweiten Feierhauptsadt und zum Magneten für so viele Touristen wird, die heute die Clubs füllen, hat niemand vermutet. Damals gab es auch noch keine Möglichkeit zu sagen: ›Weißt du noch, wie es früher war?‹ Denn das, was wir gemacht haben, war absolut revolutionär.

Wie war es denn früher? Wie hat es sich angefühlt, etwas völlig Neues zu erfinden?
Damals gab es eher städtespezifische Posses. Es gab die München-Posse, die Frankfurt-Posse, die Berlin-Posse. In Berlin beispielsweise waren es gerade einmal ein paar hundert Leute, die sich zum Feiern im ›E-Werk‹, ›UFO‹, ›Tresor‹, ›Planet‹, oder später im ›WMF‹ oder im ›Ostgut‹, dem heutigen ›Berghain‹, getroffen haben. Das war eher familiär und überschaubar. Heute hat sich einiges geändert. Der Respekt, den wir damals vor dem ›Club-Betreiben‹ der neuen ravenden Gesellschaft und natürlich der neuartigen Musik hatten, hat sich inzwischen verändert.

Zurück zum Hier und Jetzt. Wie ist die Clublandschaft heute?
Berlin ist einzigartig, noch immer wird hier an den Wurzeln festgehalten. Gerade habe ich in Kopenhagen, Argentinien, Mexico, New York und L.A. Aufgelegt, und ich muss sagen, nirgends wird so wild und zügellos gefeiert wie in Berlin. Das ist die definitive Hauptstadt der elektronischen Musik und Clubkultur weltweit. Über 100 oder mehr Veranstaltungen und Partys jede Woche mit unzähligen Varianten elektronischer Tanzmusik.

Du bist ja einer der wenigen, die heute noch im Geschäft sind. Du hast die Techno-Szene geprägt, so wie sie heute ist.
Ich muss sagen, dass ich mich ein wenig mitverantwortlich fühle. Mit einer Reihe von DJs wie ›Cle‹, ›Motte‹, ›Rock‹, ›Jonzon‹, ›Tanith‹, ›Kid Paul‹, ›Westbam‹ und vielen anderen Helden der Nacht haben wir das Nachtleben Anfang 90 in Berlin aufgebaut. Viele sind heute noch miteinander befreundet. Einige legen heute nicht mehr auf, aber jemand wie ›Westbam‹ beispielsweise hatte einen großen Einfluss auf die Szene. Mit ihm kamen die ravende Generation, die ›Loveparade‹ und die ›Mayday‹ nach Berlin. Er hat da viel Sachen vorgedacht. Ich schätze ihn wirklich sehr.

Entgegen den Klischees der Techno-Szene legst du nächtelang auf, ohne Alkohol oder Drogen zu nehmen. Selbst mit einer Zigarette wird man Hell nicht sehen!
Eine gesunde Lebensweise ist mir wichtig, sonst hätte ich es nicht geschafft, über so viele Jahre nächtelang durchzuhalten und fit zu bleiben.

Wenn man mal recherchiert, gibt es wenig Material von den Anfängen der Techno-Ära. Es gab kein Internet, kein Social Networking, und es gibt im Gegensatz zu heute auch kaum Fotos.
Damals gab es noch keine Handys und noch kein Foto-Verbot, so wie es das heute beispielsweise im Berghain gibt. Da wird ein Sticker auf die Handy-Kameras geklebt, damit die Leute entspannt feiern können, ohne dass alles sofort im Internet landet. So versucht man die Privatsphäre, die früher in den Clubs herrschte, aufrechtzuerhalten. Das war damals eine geschlossene Gesellschaft; wir waren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Andererseits ist es natürlich auch bedauerlich, dass es so wenig Fotos und ›Beweismaterial‹ aus dieser Zeit gibt.

Aber auch die Musik hat sich verändert. Was damals noch analog entstanden ist, wird heute digital produziert. Welche Bedeutung hat das für deine Arbeit?
Die Musik hat sich extrem verändert. Ich orientiere mich inhaltlich immer noch an Grundlagen, die Ende der 80er Jahre in Detroit und Chigaco entstanden sind. Es waren die Gay-Clubs, die die elektronische House Music hervorbrachten. Auch das ›Berghain‹ ist ja ein Club, der aus der Gay-Community hervorgegangen ist. Gott sei Dank wird dort Techno, oder früher auch Original Street-Techno genannt, immer noch stark gefeatured. Diese enorme internationale Aufmerksamkeit hat aber auch einige Nachteile für die Club-Besucher und Betreiber.

Welche Nachteile meinst Du?
Das große Problem ist, dass man nirgendwo reinkommt, weil Hunderte Leute Schlange stehen und enorm viele vom Türsteher abgelehnt werden. Viele Freunde kommen nach Berlin, um in gute Clubs zu gehen und kehren dann enttäuscht zurück. Das hat zur Folge, dass viele gute Parties noch immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Es gibt keine Flyer, keine Einladungen.

Wie waren deine Berliner Anfänge als geborener Münchner?
Ich bin Anfang 90 nach Berlin gekommen und habe im ›Hard Wax‹, dem legendären  Plattenladen in Kreuzberg, gearbeitet. 1992 gab’s dann die ersten selbst produzierten Tracks, und  1997 startete ›International DJ Gigolo Records‹. Es wurden hauptsächlich internationale Künstler gesigned, beispielsweise ›Fisherspooner‹ aus New York oder ›Justice‹ aus Paris, ›Dopplereffekt‹ aus Detroit, Bobby Konters aus NYC, ›Kittin & Hacker‹ aus Grenoble, ›tuxedomoon‹ aus Chicago oder ›psychonauts‹ aus London.

Du hast sowohl in München als auch in Berlin gelebt. Verglichen mit Berlin war München  wahrscheinlich eher hintenan, oder?
Witzigerweise sagen mir heute oft DJs, mit denen ich im ›Berghain‹ auflege: ›Mensch, im Süden Deutschlands geht ja jetzt auch etwas‹ (lacht). Ich sage dann immer: ›Jungs, es gab schon in den 80ern wilde Acid House Parties in München‹. Interessanterweise gibt es da sehr viele Vorurteile. Einer der besten Clubs in München ist im Moment das ›MMA‹ (Mixed Munich Art) oder das ›Bob Beaman‹. Ich bin genauso 100 Prozent Münchner, wie ich 100 Prozent Berliner bin, also 200 Prozent Hell.

Du bist inzwischen das Idol mehrerer Generationen. Wer waren Deine Idole, als du jung warst?
Bei mir ging es 1976 los mit Punk Rock. Ganz wichtig waren für mich damals ›The Damned‹. Das war Musik, die man vorher so nicht kannte. Wahnsinnig energiegeladen. Dann kamen die  ›Undertones‹ und wenig später die New-Wave-Bewegung. ›Ultravox‹ war hier eine meiner Lieblingsbands. Damals war ich bereits DJ und habe mir die ganzen Platten schon gekauft, obwohl ich wenig Geld hatte, und habe bereits verschiedene Genres gemixt, in den Clubs und auf eigenen Partys. Das war eine wichtige Erfahrung für mich. House, Acid House, Techno durfte ich alles von den ersten Releases an mit gestalten. Als DJ und Musikfreak. Zu der Zeit war ich bereits Resident DJ mit Jeff Mills im bekanntesten Club New Yorks, dem ›Limelight‹, einer umgebauten Kirche. 1992 habe ich angefangen, im Berliner ›Tresor‹ zu spielen. Das hat mein Leben grundlegend verändert.

Welche Deiner Idole spielen bis heute eine große Rolle?
›Kraftwerk‹, die ich schon in meiner Kindheit verehrte, und das Lebenswerk von David Bowie mit der allumfassenden Kunst von Andy Warhol. Warhol ist zwar kein Musiker, aber sein Werk beeindruckt mich bis heute stark. Vorbilder kommen ja nicht nur aus dem musikalischen Bereich. So spielte auch Mode für mich schon als Jugendlicher eine tragende Rolle. YSL, Tom Ford oder Martin Margiela kreierten ihr eigenes Universum.

Hat diese Welt heute noch Einfluss auf deine Arbeit?
Auf jeden Fall. Die Cover von Platten hat man ja früher monatelang studiert und Informationen herausgezogen. Videos oder Internet gab es ja nicht. Für mich war diese inszenierte Traumwelten von enormer Bedeutung.

Du bringst im Herbst eine neue Platte heraus. Was erwartet die Hell-Fans?
Im Moment habe ich zwölf Stücke fertig produziert, wovon acht richtig stark sind. Aber ich habe noch enorm viele Konzepte für neues Material, die ich noch umsetzen werde. Fünf weitere Songs sind bereits fertig gedacht. Sie werden in verschiedenen Studios mit diversen Künstlern produziert. Gleichzeitig nehme ich ein Idee auf, was in den 70ern und 80ern eigentlich oft üblich war. Dabei möchte ich dreisprachig veröffentlichen. Auch Bowie oder ›Kraftwerk‹ haben damals mehrsprachige Titel released. Im Moment schreibe ich an diversen Balladen und Liebesliedern, die ich auf Deutsch, Spanisch und Englisch aufnehmen möchte. Auch auf Japanisch werde ich versuchen. Das gibt es heute kaum noch. Es ist wieder zeitgemäß, diese Idee umzusetzen.  ›Kraftwerk‹ haben auf Japanisch, Französisch, Deutsch und Englisch veröffentlicht. Das Video zu meiner ersten Single ›Anywhere Anytime‹ habe ich bereits in Rio abgedreht. Darüber hinaus liegt ein weiteres Videokonzept zum neuen Song ›I want you‹ vor, zu dem es auch eine Kooperation mit der Tom of Finland Foundation geben wird.

Hell ist ja ein richtiger Romantiker geworden!
(lacht) Ja, so wird man mit zunehmenden Alter.

 

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