Als wir in Kalifornien waren, wollten wir in ein von den Weißen kaum beachtetes Event eintauchen – in ein Pow Wow!
»Pow Wow« wird aus der Sprache der Algonkin-Indianer als Ratsversammlung übersetzt. Heute treffen sich hierzu Angehörige der »First Nations«, wie sie sich als Erstbesiedler des Kontinents nennen. Es kommen die unterschiedlichsten Stämme hauptsächlich aus den USA und Kanada zusammen. Sie ehren die eigene alte Kultur, erhalten Traditionen, geben Wissen an die nächste Generation weiter und pflegen Kontakte und Freundschaften. Stolz präsentieren die Teilnehmer ihre Stammeszugehörigkeit als »Native Americans« mit Trachten, Flaggen und Abzeichen. Pow Wows werden übers Jahr an verschiedenen Orten in den USA und Kanada abgehalten. Ein Pow Wow geht meist über ein Wochenende oder bis zu fünf Tagen. Es beginnt mit einer Prozession, dem Grand Entry, dann werden Trommel- und Tanzwettbewerbe in unterschiedlichen Kategorien durchgeführt. Gäste sind herzlich willkommen.
Das Pow Wow fand auf dem Gelände des Sierra Mono Museums in einer bergigen Landschaft mit schönen Seen südlich des Yosemiti Nationalparks in Kalifornien statt. Wir hatten uns lange Zeit vorher per Mail angemeldet. An einem Freitagnachmittag kamen wir an und wurden mit unserem Wohnmobil auf einen Platz oberhalb des Tanzplatzes eingewiesen. Zuvor hatte man uns gefragt, ob es uns etwas ausmachen würde, direkt neben den Indianern unseren Camper zu parken. Aber gerade darauf kam es uns doch an! Wir wollten das Pow Wow hautnah erleben.
Auf der Wiese unterhalb unseres Standplatzes war ein Rund aus Stühlen und Bänken aufgebaut, gegen die Sonne schützten Planen und Gestelle, die mit Zweigen, Ästen und Laub belegt waren. Wir suchten uns Plätze, von denen aus man einen guten Blick über die Tanzfläche hatte. Neben uns begann eine Trommlergruppe, sich warm zu spielen. Ein Stück weiter wurde eine junge Frau frisiert und herausgeputzt. Sie wurde später zur Prinzessin des Sommers gekürt. Viele Kinder in bunter traditioneller Kleidung rannten über den Platz. Etwas entfernt standen der Master of Ceremonies, der Arena Director und einige ältere, sehr würdevoll aussehende Männer und berieten sich. Auch eine Color Guard, amerikanische Veteranen, die in der Armee gekämpft hatten, fanden sich ein.
Es gibt ein Pow Wow-Protokoll, in dem wichtige »basic rules and etiquette« verzeichnet sind. Dazu gehört, dass man still ist, dem Master of Ceremonies zuhört und den Platz nur betritt, wenn man am großen Einmarsch teilnimmt. Außerdem herrscht absolutes Alkoholverbot.
Es dauerte nicht lange, da kam einer der älteren Herren, Häuptling George, auf uns zu und fragte, woher wir kämen. Dann wünschte er uns viel Spaß bei dem Event. Unsere Plätze lagen gleich neben denen seiner Familie. Wenig später kam er mit zwei kleinen perlenbestickten Lederbeuteln zurück, die er uns Frauen umhängte, während er dazu ein Gebet murmelte. Mit diesen Medizinbeuteln hat es Folgendes auf sich: In der Vergangenheit musste jeder männliche Indianer, um als Krieger anerkannt zu werden, seinen eigenen Schutzgeist finden. Dafür zog er sich für einige Tage in die Einsamkeit zurück und meditierte, um im Traum seine Bestimmung zu finden. In dieser Zeit fastete er. So erfuhr er vom Großen Geist, welche Dinge für sein Leben wichtig seien. Das konnten ein Stein, eine Muschel, Federn oder Knochen sein, die er dann in seinen Medizinbeutel tat und immer bei sich trug. Oft leitete sich daraus auch sein Name ab. Zudem mussten junge Männer auf dem Weg zum Erwachsenwerden oft harte Mutproben bestehen. Ein Krieger verdiente sich seine Medizin also wirklich. Uns Frauen überreichte der Häuptling die Medizinbeutel als Geschenk! Welche Ehre! Unsere Männer bekamen natürlich nichts.
Am nächsten Vormittag begann der große Einzug der Militärveteranen mit Fahnen und Gesängen, begleitet von den Trommlergruppen am Rand des Rondells. Die Veteranen stehen in hohem Ansehen bei den Stammesmitgliedern, denn sich als Krieger verdient gemacht zu haben, ist alte indianische Tradition. Dann schlossen sich die Tänzer, Tänzerinnen und Kinder an. Nach und nach reihten sich alle Teilnehmer und Gäste in die Prozession ein, die in einem großen Kreis endete. Zum Schluss gab es eine Beschwörungszeremonie.
Mehrere Trommelgruppen »machten Stimmung«, dann wurde der erste Wettbewerb ausgerufen. Wir empfanden das Trommeln und den Gesang zuerst als eintönig, alles hörte sich erst mal gleich an, aber mit der Zeit merkten wir die Unterschiede zwischen Kriegs- oder Grastänzen. Nach der Krönung der diesjährigen Prinzessin begann der Contest der jungen Mädchen und jungen Männer im Tanzen, daran schlossen sich Wettkämpfe in anderen Altersgruppen an. Die Teilnehmer trugen wunderschöne farbenfrohe Kostüme, viele davon kunstvoll bestickt. Einige Frauen hatten an ihren Kleidern Glöckchen, sie tanzten den »Glockentanz«, während andere mit perlenbestickten Kleidern dazu passende Mokassins trugen. Frauen mit einem langfransigen Tuch tanzten den Tuchtanz.
Die Männer trugen bei ihren Vorführungen von Kriegstänzen, dem Adlertanz oder Fantasietänzen großartigen Federschmuck, sowohl auf dem Kopf als auch am Rücken. Sogar aus dem fernen Mexiko grüßte eine Indianergruppe. Sie trugen Kleider aus der Maya-Tradition und zeigte ihre Tänze.
Die Aufgabe des Preisrichters übernehmen meist ehemalige Tanzmeister, die sich dann unter die Tänzer mischen und beobachten, ob diese sich im Takt zur Musik bewegen und exakt mit dem letzten Trommelschlag ihren Tanz beenden. Später gab es Ehrungen und Sammlungen für verdiente Mitglieder der Stämme in einer Geschenkzeremonie. Dabei werden Menschen geehrt, die anderen geholfen haben oder erfolgreich eine Universität oder Militärakademie absolviert haben. Der Arena Director verkündet und begründet die Auszeichnung, anschließend wird ein Ehrentanz vollführt. Immer neue Trommlergruppen stellten sich vor, und auch die Kleinsten versuchten sich in ihren bunten Kostümen mit großer Begeisterung im Trommeln oder Tanzen.
Außerhalb des Tanzrondells gab es zahlreiche Stände mit traditionellen Speisen wie Maisfladen und Bisonfleisch. Außerdem wurden diverse Souvenirs wie Knöpfe, Perlen, Gürtelschnallen und eine Menge Kunsthandwerk angeboten.
Mit der Dämmerung wurde langsam alles in romantisches weiches Licht getaucht. Abends brannten Feuer, und die Stimmung war ausgelassen. Und wir waren in eine andere, faszinierende Welt eingetaucht – farbenfroh, bunt und völlig losgelöst von unserer hektischen Zeit.

 

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