Aufgenommen: 13. Juli 1987, Foto: Landeshauptstadt Potsdam/Vera Futterlieb

Letztes Jahr erschien ein Buch über das ›andere Potsdam‹, das durch das vielfältige Bauen in der ehemaligen Bezirkshauptstadt zwischen 1949 und 1990 führt. Auf der Basis von bis dahin unveröffentlichtem Archivmaterial und anhand zahlreicher Abbildungen werden 26 Bauten und Ensembles der ›DDR-Architektur‹ beschrieben. Anlässlich der anhaltenden Diskussion über das zukünftige Stadtbild Potsdams sprach friedrich mit Herausgeber und Hauptautor Christian Klusemann, Kunsthistoriker an der Uni Marburg, über die Besonderheiten der ›Ostmoderne‹ und die Notwendigkeit eines sachlichen Blickes auf das ostdeutsche Bauerbe.

Herr Klusemann, warum setzen Sie sich für einen genaueren Blick auf ›DDR-Architektur‹ ein? Ist das nicht ›Ostalgie‹? Was spricht gegen die begonnene ›Heilung‹ des Stadtbildes?
Die Bauten sind Zeugen ihrer Zeit, so wie alle Bauten aus jeder Epoche. Das Problem ist, dass die DDR für viele noch ›zu nah dran‹, zu sehr Teil der eigenen Erinnerung, des eigenen Erlebens ist. Gerade Westdeutsche verbinden damit dann bloß Diktatur und Unrechtsstaat. Ich habe als ›Wessi‹ selbst lange in Potsdam gewohnt und hatte für ›DDR-Architektur‹ zunächst ebenfalls nicht viel übrig. Aus wissenschaftlicher Sicht zählt das aber nicht. Als Kunsthistoriker betrachten wir die Bauten jenseits von Verdammung, aber auch jenseits von Ostalgie. Natürlich gibt es Ostalgiker, die alles aus der DDR verklären, was ebenso wenig richtig ist. Was zählt, ist der sachliche Blick. Zu dem gehört, dass auch DDR-Bauten durchaus Qualität haben können.

Was ist denn das Besondere an ›DDR-Architektur‹? Stört diese nicht in Potsdam?
Städtebaulich gibt es passende und weniger passende Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren. Und Gebäude, die durchaus gestalterischen Qualitäten haben, aber am falschen Platz stehen. Zwischen diesen Polen sollte man abwägen und kompromissbereiter sein, als es in Potsdam derzeit möglich erscheint. Erstaunlich ist übrigens, dass die meisten mit ›DDR-Architektur‹ nur die ›Platte‹ oder die ostdeutsche Nachkriegsmoderne, also die ›Ostmoderne‹, verbinden. Dabei war das Bauen sehr vielfältig, nicht nur in Potsdam. Etliche Gebäude, ja Straßenzüge sind zu DDR-Zeiten historisierend oder originalgetreu wiederaufgebaut worden. Das bekannteste hiesige Beispiel ist die ›erste Barockstraße der DDR‹, die Wilhelm-Staab-Straße.

Sollte etwa nicht alles ›Preußische‹ abgerissen werden? Wie passt das zusammen?
Das Verhältnis zum Erbe war sehr ambivalent. Die Geschichte des Umgangs mit der preußischen Residenzstadt zu DDR-Zeiten ist seit der Wende recht einseitig geschrieben worden, leider überwiegend jenseits der Wissenschaft. Daher ist ein Zerrbild entstanden. Es sollte eben nicht alles Preußische weggerissen werden, sondern man hat sich diesen Teil der Geschichte im eigenen DDR-Geschichtsbild passend zurechtgelegt. Deshalb wurde manches erhalten und der neuen Ideologie dienlich gemacht. Architektonische Leistungen wurden durchaus gerühmt, aber der König als Bauherr geschmäht. Symbolbauten wie das Stadtschloss riss man weg, andere Gebäude wurden in die neue Stadtplanung einbezogen – zu verschiedenen Zeiten mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung. Manches baute man auch wieder auf, weil man natürlich um die Besonderheiten der Stadt wusste.

Wie stehen Sie selbst zu den Abrissen zu DDR-Zeiten?
Die Abrisse waren große Fehler. Sie bedeuten den unwiederbringlichen Verlust kunsthistorisch wertvoller Bauten, die wichtig für das Stadtbild innerhalb des ›Gesamtkunstwerks Potsdam‹ waren. Stadtschloss und Garnisonkirche hätte man stehen lassen sollen. Die Ruine der Garnisonkirche hätte sich vielleicht, vergleichbar mit der Frauenkirche in Dresden oder – als westliches Beispiel – der Gedächtniskirche in West-Berlin, als Mahnmal gegen den Krieg geeignet. Man hätte die Ruine konservieren oder die Kirche – wie die Nikolaikirche – schlicht wieder aufbauen können. Aber das passte politisch nicht. Darüber hinaus wurden ganze Straßenzüge abgerissen, dies oft aber aus pragmatischen, weniger aus ideologischen Gründen. Vor allem die 60er-Jahre waren der Siegeszug der Moderne – übrigens auch im Westen, wo teilweise mehr abgerissen wurde als in der DDR. Hier blieb vieles stehen, weil das Geld für den Abriss fehlte. Es gab auch Phasen, wo man sanieren wollte, aber kein Geld dafür hatte. Etwa das Holländische Viertel. Es kursierten Gerüchte über dessen Abriss. Das stimmt so nicht. In den 60ern gab es Pläne, Teile abzureißen und mit Hochhäusern zu umrahmen. In den 70ern wurde das Holländerviertel dann unter Denkmalschutz gestellt, und mit der Sanierung wurde in den 80ern begonnen. Aber da es an finanziellen Mitteln mangelte, verfiel alles noch weiter.

Ist der heutige Wiederaufbau der einst stadtbildprägenden Bauten notwendig?
Das ist eine Frage der Perspektive. Viele Befürworter der Garnisonkirche – so mein Gefühl – meinen, man müsse durch den ›Wiederaufbau‹ das DDR-Unrecht ›wiedergutmachen‹. Das ist meines Erachtens ein Trugschluss. Denn man kann den Abriss zwar bedauerlich finden, sich aber dennoch gegen den Neuaufbau äußern. Und zwar abseits der politischen Debatten, die uns täglich in den Medien begegnen. Viele Architekturhistoriker, auch ich, sind der Ansicht, dass Verluste nicht rückgängig gemacht werden können. Eine nachgebaute Garnisonkirche wäre nur ein Abbild. Das Original ist leider für immer verloren. Auch hat sich ja das städtebauliche Umfeld in der Breiten Straße stark geändert. Die neu aufgebaute Kirche wäre sicher schön, aber kulissenhaft. Ich müsste mich erst daran gewöhnen.

Und welche DDR-Bauten sollte man heute stehen lassen und warum?
Erstaunlicherweise gefällt allen die Wilhelm-Staab-Straße, entstanden im tiefsten Stalinismus. Hier redet keiner von Diktatur-Architektur. Es stört nur die ›hässliche‹ ›Ostmoderne‹, die zugleich Synonym für die kulturlose SED ist. Unabhängig davon, dass das vereinfacht ist, da alles Teil der Geschichte ist, können auch ›hässliche‹ Bauten Qualitäten haben – oder sich als gar nicht so hässlich entpuppen, wenn man genauer hinsieht; und selbstredend völlig unpolitisch identitätsstiftend sein. Ich kenne etwa viele ›Wessis‹, die das Hotel stehen lassen wollen, nicht nur ›Alt-Stalinisten‹, wie es 2012 auf der Kunsthallen-Demo aus manchem aufgebrachten Mund schallte. Die Politik wird überbewertet. Die DDR gibt es seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Was da ist, gehört für viele heute einfach dazu. Ich persönlich finde das Mercure keinesfalls störend. Es ist nicht das beste Gebäude der ›Ostmoderne‹, hat aber etwas geometrisch Klares, Aufgeräumtes. Der Standort im historischen Lustgarten ist sicher schwierig, aber wenn das weg soll, müsste auch die Straße davor weg. Es würde etwas fehlen. Ebenso stehen lassen würde ich den Staudenhof. Der wirkt zwar auf den ersten Blick wie eine durchschnittliche ›Platte‹, war aber ein Sonderbau, den es DDR-weit nur einmal gab. Die Fassade ist – gegen den Widerstand des Wohnungsbaukombinats, das finanzielle Bedenken äußerte – aufwendig gestaltet worden. Solche historischen Gegebenheiten kann man an diesen Bauwerken ablesen, darum würde ich sie erhalten. Man muss sich eben fragen, ob man solche Zeitschichten aus ›Schönheitsgründen‹ zerstören möchte oder ob das Stadtbild diese Gebäude nicht doch ›aushält‹. Es wird gern argumentiert, dass nach Abriss dieser Bauwerke immer noch genug DDR-Architektur übrig bliebe, etwa die ganzen Neubauviertel. Dabei wird vergessen, dass die Bauten, die jetzt abgerissen werden sollen, als Unikate das Herzstück des sozialistischen Stadtzentrums bilden. Die FH finde ich als Gebäude ok, aber sie ist auf einer einst kleinteiligen Struktur – quasi auf einem Teil der zerstörten Altstadt – errichtet worden. Hier müsste man eine städtebaulich bessere Lösung finden. Vielleicht könnte man einen Teil erhalten. Ein Kompromiss wäre, hier korrigierend einzugreifen, aber Staudenhof und Mercure stehenzulassen. Daneben wäre es architekturhistorisch um die Schwimmhalle und vor allem um das Minsk sehr schade.

Wie würden Sie sich die weitere Stadtentwicklung in Potsdam vorstellen?
An die Rekonstruktionen habe ich mich gewöhnt. Sie sind wie Landtagsschloss oder Palast Barberini ja gefällig und ein Gewinn für die Stadt. Aber als Neubauten bleiben sie trotzdem künstlich. Ich würde mir wünschen, auch ein paar ›Ostmoderne‹-Bauten zu erhalten. Man könnte diese sanieren und anschließend mit Informationstafeln versehen, die an andere Zeitschichten, in diesem Falle an die 60er Jahre und das nicht vollendete sozialistische Stadtzentrum, erinnern. Das ließe sich auch touristisch nutzen, weil eine Stadt doch erst durch ihre Vielseitigkeit interessant wird. Es wird immer befürchtet, Potsdam werde ein Museum, wenn die Rekonstruktionen erst alle stünden. Eigentlich ist das falsch. Das Stadtzentrum ist momentan noch ein Museum. Und ob man will oder nicht, ist dieses – ganz emotionslos – Teil der Geschichte Potsdams.

 

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