Foto: Tobias Kleinschmidt / MSC 2014

Dr. Kristina Spohr lehrt als Associate Professor Internationale Geschichte an der London School of Economics. In ihrem kürzlich erschienenen Buch untersucht sie Helmut Schmidts weltpolitisches Wirken. friedrich hat darüber mit ihr gesprochen.

Frau Spohr, mit Helmut Schmidt ist im November 2015 ein populärer Altkanzler verstorben. Was machte es notwendig, der bekannten Biografie und dem öffentlichen Bild als ›Macher‹ und ›Krisenmanager‹ noch Aspekte hinzuzufügen?
Ich kam zu dem Thema, weil ich mich ursprünglich mit der Bonner Republik in den 70er- und 80er-Jahren beschäftigte, die im internationalen Bild als diplomatische und politische Macht neu wahrgenommen wurde. Dabei stellte ich fest, dass Bundeskanzler Schmidt nicht nur immer global dachte, was bisher nicht gesehen wurde, sondern auch wichtige internationale Koordinierungsmechanismen entwickelte, die heute noch bestehen. Er hat als ›statesman intellectual‹ die Prozesse der Globalisierung begriffen und die Neuordnung der Welt in den 70er Jahren maßgeblich mitgestaltet. Schmidt hat eine Gipfeldiplomatie entfaltet, die zur Statusaufwertung der Bundesrepublik führte. Man denke etwa an den Sicherheitsgipfel in Guadeloupe 1979, wo die BRD als deutscher Teilstaat am Tisch mit den führenden Nationen saß.

Für Ihr Buch haben Sie Schmidt nicht nur interviewt, sondern auch in seinem Privatarchiv recherchieren dürfen. Wie hält man da die nötige Distanz?
Ich habe für das Buch zunächst in zahlreichen wichtigen Archiven der USA, Großbritanniens und Deutschlands geforscht und die Memoiren der anderen Staatslenker sowie die NATO-Protokolle studiert. Ergänzend zu diesen Quellen gab mir das Privatarchiv – als ›Highlight‹ – Einblick in Schmidts eigene tägliche Notizen und Konzeptionen bis zurück in die späten 40er Jahre. Ich habe dann alles wie ein Mosaik zusammengesetzt. Und aufgrund dieser breiten Basis an Materialien konnte ich die notwendige kritische Distanz behalten.

In den Jahren seiner Kanzlerschaft sind in der BRD etwa die Staatsverschuldung und die Arbeitslosigkeit spürbar angestiegen. Dennoch wird Schmidt weithin als ›Weltökonom‹ apostrophiert. Wie passt das zusammen?
Die ökonomische Situation in der Bundesrepublik muss man vor allem im Verhältnis zur Wirtschaftsentwicklung der anderen Industriestaaten nach der ersten Ölpreiskrise 1973 sehen. Relativ betrachtet ging es den Deutschen eigentlich nicht schlecht; aber sie haben es so nicht empfunden, sie haben nur ihre schlechten Wirtschaftszahlen gesehen. In Frankreich, Italien, Großbritannien oder auch in den USA waren Arbeitslosigkeit und Inflation viel verheerender als in Deutschland. In dieser Situation hat Schmidt gesagt, es sei zu gefährlich, nur nationale Lösungen zu suchen, weil es ein massives Weltwirtschaftsproblem gibt, das sich national niederschlägt und auch die Demokratie zerstören kann. Folglich hat er den internationalen Austausch und weltweit koordiniertes Handeln forciert. Und so kam es zu den Weltwirtschaftsgipfeln G5/7 und dem Europäischen Währungssystem, einem Vorläufer des Euro.

Schmidt hat stets versucht, die internationale Mächtebalance zwischen West und Ost auszutarieren – trotz der damit verbundenen atomaren Nachrüstung der BRD. Das brachte ihm viel Gegenwind aus der eigenen Partei und von der Friedensbewegung ein. Warum war dem SPD-Kanzler das weltpolitische Mächtegleichgewicht dennoch so wichtig?
Schmidt glaubte, Asymmetrien und Imbalancen in der internationalen Politik – wenn sich also eine Seite stärker als die andere fühlt – könnten dazu führen, dass das geteilte Deutschland zu einem Brennpunkt im Kalten Krieg wird. Demnach diene es der Friedensicherung, wenn Stabilität, sprich eine militärische Balance zwischen den Großmächten, vorherrsche. Darauf basierte auch der NATO-Doppelbeschluss von 1979, der die Reduzierung des sowjetischen Rüstungsvorsprungs verlangte, der als direkte Bedrohung der Bundesrepublik und seiner westeuropäischen Nachbarn empfunden wurde. Diese Forderung wurde unter Androhung einer westlichen Nachrüstung vorgetragen. Schmidt wäre also ein gemeinsam verhandelter Abbau der sowjetischen SS-20-Mittelstreckenraketen wesentlich lieber gewesen als die Nachrüstung im NATO-Lager. Das hat ihn bei den Amerikanern, die ihre Arsenale an Mittelstreckenraketen modernisieren wollten, wankelmütig erscheinen lassen. Von vielen in Deutschland, auch in der eigenen Partei, ist wiederum die Abrüstungskomponente dieses Doppelbeschlusses so nicht erkannt worden. Darum sahen sie in Schmidt nur den Rüstungskanzler, der fest an der Seite der USA steht.

Sie betonen in Ihrem Buch die Rolle Schmidts als ›Doppeldolmetscher‹ zwischen den beiden Blöcken. Im Jahr 1981 besuchte er die DDR und traf Erich Honecker zu Gesprächen im Jagdhaus Hubertusstock am Brandenburger Werbellinsee. Wie dachte der Bundeskanzler über die deutsche Frage?
Nach Willy Brandts Ostpolitik und der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 war es schwierig, in der deutschen Frage neue Akzente zu setzen und wesentliche Verbesserungen zu erreichen – vor allem als die Beziehungen der beiden Supermächte nach der sowjetischen Afghanistaninvasion 1979 einfroren. Dennoch glaubte Schmidt auch hier, dass es besser sei, Dialogpolitik zu führen, als nichts zu machen. Die CDU war natürlich nicht begeistert von seinem DDR-Besuch. Aber Schmidt wollte das gemeinsame der deutschen Nation aufrechterhalten. Insofern hob sich diese Dialogpolitik auch von der mit Moskau ab. Schließlich handelte es sich um zwei deutsche Staatsmänner, die, wenngleich sie ideologisch entgegengesetzte Systeme vertraten, die deutsche Sprache sprachen.

Stichwort Dialogpolitik. Bekanntlich war Schmidts Verhältnis zum US-amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter nicht sehr gut. Lag dies eher an inhaltlichen Differenzen oder auch an persönlichen Animositäten?
Sicher beides. Es war im Prinzip von Beginn an ein schwieriges Verhältnis. Im US-Präsidentschaftswahlkamp von 1976 – Schmidt hatte seine Wahl gerade gewonnen – gab er in einem Interview seine Einschätzung zu beiden Kandidaten ab. Schmidt erklärte, dass er mit dem amtierenden Präsidenten Gerald Ford gut könne und ihn mögen würde. Über Jimmy Carter, den Erdnussfarmer aus Georgia ohne außenpolitische Erfahrung, wisse er nichts. Schließlich ging die Schlagzeile ›I like Ford!‹ um die ganze Welt. Allerdings verlor Ford die Wahl, Carter gewann und war von Anfang an beleidigt. Auch auf der konzeptionellen Ebene wurde das Verhältnis nicht besser, da Carter ganz anders an die Verhandlungen mit den Sowjets heranging. Während Schmidt mit ihnen eher rational und nüchtern umgehen wollte, hatte Carter viel höher strebende Ideen einer nichtnuklearen Welt: Er wollte die Sowjetunion zum großen Abrüsten bewegen. Insgesamt empfanden die Sowjets zu viel Druck von Carter, sowohl bei der Abrüstung als auch bei der Menschenrechtsfrage, weshalb sie ihn ins Leere laufen ließen: 1977 stockten die Rüstungskontrollgespräche und das Supermächteverhältnis wurde umgehend angespannter. Nach Schmidts Einschätzung war Carter zu idealistisch. Er fand, der neue US-Präsident wolle zu viel und packe die Sowjetunion grundlegend falsch an. Man könne nicht alles auf einmal haben, Ergebnisse müssten Schritt für Schritt ausgehandelt werden.

Auch vor dem Hintergrund, dass der künftige US-Präsident Donald Trump in seiner Art etwas speziell ist: Welche Rolle würden Sie generell dem persönlichen Verhältnis zwischen Politikern in den internationalen Beziehungen zuschreiben?
Ich denke, Gipfeldiplomatie, das unmittelbare Gespräch und das Miteinander-Auskommen spielen eine große Rolle in der internationalen Politik. Wir haben aktuell eine ganze Reihe von Politikern, die keinerlei Verhältnis miteinander haben; es fehlen auch die langzeitigen politischen Netzwerke. Wir haben neue Staatsmänner und -frauen, die ohne jegliche außen- oder wirtschaftspolitische Erfahrung in diese Positionen gekommen sind. Denken wir nur mal an Donald Trump. Er ist sicherlich kein Intellektueller in der Politik. Das heißt nicht, dass man ein Intellektueller sein muss. Aber er hat eigentlich gar keine politische Erfahrung, unabhängig von der ganzen Rhetorik, die wir gehört haben. Dass man nicht genau weiß, wo diese Leute stehen, bringt mehr Unsicherheit in die internationalen Beziehungen. Wenn wir nun auf Angela Merkel schauen: Sie spricht ja von der Notwendigkeit, einen Dialog zu führen. Und man muss den Dialog eben auch mit schwierigen Partnern führen. Das ist sie kürzlich wieder klug angegangen: Einerseits hat sie die Verteidigungsfähigkeit und den Zusammenhalt der NATO und die Wichtigkeit der demokratischen Grundwerte betont. Andererseits hat sie Putin zum Vierer-Gipfel mit Hollande und Poroschenko nach Berlin holen können. Da sehen wir Dialogpolitik in Aktion.

Kristina Spohr: Helmut Schmidt. Der Weltkanzler, Darmstadt: Konrad Theiss Verlag 2016.
ISBN: 978-3-806-23404-6; 384 S., 29.95 €

 

Kommentare sind geschlossen.