Vor Kurzem kam mit ›Kundschafter des Friedens‹ eine kurzweilige deutsche Agentenkomödie in die Kinos. In ihr geht es um vier legendäre Top-Spione der DDR-Auslandsauf­klärung, die siebenundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall von dem ehemaligen Erzfeind BND überraschend um Hilfe gebeten werden. Das alte Team der »Kundschafter des Friedens«, bestehend aus Jochen Falk (Henry Hübchen), dem verschrobenen Tüftler Jaecki (Michael Gwisdek), dem windigen Logistiker Locke (Thomas Thieme) und dem nicht mehr ganz taufrischen Romeo-Agenten Harry (Winfried Glatzeder), wird zu einer Mission in die ehemalige Sowjetrepublik Katschekistan eingeschleust. friedrich sprach mit Winfried Glatzeder über den Film und über seine Zeit in Potsdam.

Herr Glatzeder, was dachten Sie, als man Ihnen anbot, in einem Film über pensionierte DDR-Spione mitzuspielen?
Ich fand das interessant, denn ich erinnerte mich sofort, dass ich nach meiner Ausreise aus der DDR 1982 ein Angebot vom WDR bekam, in einem zweiteiligen Fernsehfilm einen Romeo-Stasi-Agenten zu spielen. In meiner Stasi-Akte, die weitergeführt wurde, obwohl ich nicht mehr in der DDR lebte, stand dann sinngemäß: ›Glatzeder entblödet sich nicht, in einem gegen die DDR und die Staatssicherheit gerichteten Fernsehfilm mitzuspielen.‹ Aber ich hatte Glück, sie haben keinen Mörder auf mich angesetzt. (lacht) Aber im Nachhinein war ich vom Einfallsreichtum von Markus Wolf, dem langjährigen Chef des Stasi-Auslandsnachrichtendienstes, überrascht, denn er soll selbst Kennedy eine Geliebte untergeschoben und beim Papst einen Priester angeworben haben – von Günter Guillaume mal abgesehen. Und die Auslandsgeheimdienste anderer Länder wie England, Frankreich, den USA oder der Sowjetunion haben auch nicht vor Mord zurückgeschreckt. Daher fand ich das Thema von ›Kundschafter des Friedens‹ interessant. Nach so langer Zeit kann man solche Dinge auf humorvolle Weise behandeln.

Wie stehen Sie generell zu neuen Filmen, die sich mit der DDR-Thematik befassen?
Ich habe bemerkt, dass es spannend sein kann, wenn ein Regisseur wie Robert Thalheim, der in Westdeutschland aufgewachsen ist, sich dieses Themas annimmt und wie ein Wissenschaftler unter dem Mikroskop einen Käfer seziert. Das ist doch faszinierend. Und auch ein junges Publikum, das um die Wende herum geboren wurde, kann so Spaß an DDR-Geschichte haben. Wenn ich mit meiner Autobiografie ›Paul und ich‹ auf Lesereise bin, werden die Leute in meinem Alter auf humorvolle Weise an unsere gemeinsame Vergangenheit erinnert. Junge Menschen, die sich ›Paul und Paula‹ anschauen, sagen: ›Das sah ja alles abgefahren aus in der DDR‹.

Denken Sie, dass es das innere Zusammenwachsen der Deutschen nicht vielleicht aufhält oder sogar verhindert, immer wieder neue ›Ost-West-Filme‹ zu machen?
Nein, das würde ich überhaupt nicht sagen, denn es ist ohnehin ein Generationsproblem. Die Alten müssen wegsterben, bevor eine neue Gesellschaft entstehen kann. Wir Alten haben noch zu viele nostalgische Erinnerungen. Den Kindern der Nachwendezeit können wir erzählen, wie schön oder schlecht es in der DDR war. Aber schon die Enkelkinder interessiert das nicht mehr. ›Kundschafter des Friedens‹ ist vielleicht für ältere Generationen eine spannende Geschichte. Der Film ist auch nicht scheinheilig, indem er sagt, DDR und Stasi waren Mist, der Bundesnachrichtendienst ist nur toll. Nein, es ist insgesamt eine schöne Ost-West-Mischung, auch bei den Schauspielern: Jürgen Prochnow, Henry Hübchen, Antje Traue, Michael Gwisdek, Thomas Thieme. Aber letztlich hängt der Erfolg eines Films auch immer vom Zeitgeist ab. Handwerklich haben wir auf jeden Fall alles gegeben. Ich finde ihn unterhaltsam.

Sie verkörpern in ›Kundschafter des Friedens‹ einen ehemaligen Romeo-Agenten. Ist das eine ironische Anspielung auf das Prädikat, das Ihnen verliehen wurde, der ›Belmondo des Ostens‹ zu sein?
Nein, ich denke nicht. Dieses Prädikat entstand durch Zufall, weil ich unter der Regie von Ulrich Thein mal einen Filmstudenten gespielt habe, der Belmondo hieß. Und die Presse hat dann diesen Namen aufgegriffen. Ich war weder so athletisch noch so abenteuerlustig wie Jean-Paul Belmondo. Meine Rollen hatten im Vergleich zu Belmondos draufgängerischen Frauenhelden einen subversiven Charakter. Darum fand ich immer den amerikanischen Schauspieler Walter Matthau toll.

Haben Sie Belmondo mal persönlich kennengelernt?
Nein, habe ich nicht. Aber dieses Markenzeichen, der ›Belmondo des Ostens‹ zu sein, hat mir jedenfalls nicht geschadet.

Letztens habe ich den ›James Dean des Ostens‹, Peter Reusse, in ›Denk bloß nicht, ich heule‹ gesehen. Sowohl ›Denk bloß nicht, ich heule‹ als auch ›Paul und Paula‹ wurde staatlicherseits als gesellschaftlich anstößig empfunden. Ersterer Film wurde verboten, ›Paul und Paula‹ nur aufgrund der Intervention Honeckers nicht. Wie haben Sie mitbekommen, dass es eventuell problematisch werden könnte?
Ich erinnere mich, dass das Filmteam, also Heiner Carow, Angelica Domröse, ich und noch einige andere, nach der Premieren-Vorführung ganz traurig waren, weil so eine merkwürdige Stimmung im Publikum geherrscht hatte. Erst war Totenstille, dann gab es euphorisches, nicht endendes Klatschen, das wie ein Tsunami über die in den ersten zehn Reihen sitzenden Stasi-Leute hinwegfegte. Als wir anschließend bei der Premieren-Feier waren, haben wir schon darüber diskutiert, was jetzt passieren würde, ob der Film verboten würde. Eine Woche danach gab es wohl Aussprachen im Politbüro. Das habe ich allerdings erst Jahre später bei Dreharbeiten mit dem SFB in der Singerstraße in Friedrichshain, wo ›Paul und Paula‹ gedreht wurde, erfahren. Dort in einem Hochhaus wohnte ein Mann, der mir erzählte: ›Ich war damals im Politbüro Berater für kulturelle Angelegenheiten. Sie haben es mir zu verdanken, dass Paul und Paula gezeigt wurde. Ich habe damals gesagt, dass der Film keine subversiven Gedanken im Volk auslöst und harmlos ist.‹ Und dann hat es wohl einen Briefwechsel zwischen Kurt Hager, dem Chef für Kultur, und Honecker gegeben, in dem Honecker seine Zustimmung zu dem Film erteilte. Dann bekam der Filmminister ein Schreiben, auf dem ›Einverstanden, Erich‹ stand. Allerdings weigerten sich trotzdem noch kurzzeitig einige Bezirkssekretäre wie in Rostock und Erfurt, den Film in ihrem Machtbereich zu zeigen. Aber bald war ›Paul und Paula‹ nicht mehr aufzuhalten, er hatte eine eigene Dynamik. Mir riefen die Leute auf der Straße ›Paul‹ hinterher.

Zurück zu ›Kundschafter des Friedens‹. Der Film spielt in einer ehemaligen Sowjetrepublik. Wo fanden die Dreharbeiten statt?
Die Außenaufnahmen haben wir auf den Kanaren gedreht, die Innenaufnahmen in verschiedenen deutschen Städten wie Düsseldorf und Köln.
Im Film spielen Sie, Hübchen und Gwisdek alte Kollegen, die sich nach Jahren wiedersehen – samt den dazugehörigen Frotzeleien. Ist Ihre Beziehung in der Realität ähnlich?
Na klar, wir alle haben damals in der Ostberliner Volksbühne angefangen. Wir sind dort alle 1971 hingekommen: Henry aus Magdeburg, Micha aus Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, und ich aus Potsdam. Wir trafen uns in dem damals für uns alle interessantesten Theater, das es in der DDR gab, nämlich der Volksbühne. Mit unseren Inszenierungen sind wir durch ganz Europa, Ost wie West, getourt. Insofern waren wir auch beim Dreh wie drei alte Haudegen, die sich von frühester Jugend kennen und auch ab und an miteinander im Clinch liegen.

Sie waren 1969 am Hans Otto Theater in der Zimmerstraße engagiert und spielten 2007 am neuen Hans Otto Theater mit Angelica Domröse viele Vorstellungen von dem Stück ›Filumena Marturano‹. Was verbinden Sie mit Potsdam? Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Stadt denken?
Vor allem an zwei Sachen. Zum einen an meine Internatszeit in der Rosa-Luxemburg-Straße 24, das ist die alte Villa von Richard Tauber, dem Operetten-Star der UFA. Hier wurden wir 1965 bis 1969 als Filmstudenten einquartiert. Die ganzen Villen rundherum waren damals Hochschulgebäude, wir hatten in denen unsere Seminarräume für Bewegungs- und Schauspielunterrricht und all das. Das war traumhaft, hier habe ich die vier schönsten Jahre meines Lebens verbracht. Zum anderen denke ich bei Potsdam an die Wilhelm-Pieck-Straße 65 – heute Charlottenstraße –, gegenüber vom Krankenhaus, wo ich im Hinterhaus im Dachgeschoss gewohnt habe. Das war 1969, als ich am Hans Otto Theater beschäftigt war. Da oben auf dem Dachboden sind im Winter meine Bierflaschen vor Kälte geplatzt. Und im Sommer war es so heiß, dass ich keine Luft bekam und nur im Bett schlafen konnte mit einem Ventilator vor der Nase. Die Toilette war im 1. Stock des Vorderhauses, Wasser musste ich mir in der Waschküche im Hof holen. Aber für mich war diese Mansarde ein Ort vielerlei Abenteuer. Miete waren 25 Ostmark.

 

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