Veranstaltung im Potsdamer Lindenpark

Trotz des Rufes als ›rote Bezirksstadt‹ wurde Potsdam in den 1980er Jahren zunehmend zum politischen Unruheherd. Dort entstand eine rege Oppositionsbewegung, die die Stadt zum Epizentrum des politischen Umbruchs in Brandenburg machte. Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß sind Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Jüngst stellten sie im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte ihr neues Buch vor, in dem sie den Wandel der Potsdamer Stadtgesellschaft nachzeichnen. friedrich sprach darüber mit ihnen.

Frau Braun, Herr Weiß, was macht für Sie das letzte DDR-Jahrzehnt in Potsdam erzählenswert?
PUW: Schon vor 1989 war Potsdam als Bezirks- und Grenzstadt, als Sport- und Kulturstadt eine Stadt mit vielen Zuschreibungen. Einerseits wirkten hier Tausende Angehörige des Partei-, Staats- und Sicherheitsapparates, die das SED-Regime stützten. Andererseits gab es immer mehr Menschen, die in der alternativen Kulturszene, der Oppositionsbewegung oder dem Kirchenmilieu aktiv waren. Während der 80er Jahre nahm die Spaltung der Stadtgesellschaft rasant zu, die Konflikte verschärften sich.
JB: Das Besondere an Potsdam war auch die Konzentration von Kultureinrichtungen und Wissenschaftseinrichtungen wie der DEFA, der Filmhochschule für Film und Fernsehen und die Institute auf dem Telegrafenberg. Mit diesen kulturellen Leuchttürmen konnte Potsdam durchaus mit Leipzig oder Berlin mithalten. Und die dort ansässigen bildungsbürgerlichen Eliten brachten per se auch einen Widerspruchsgeist mit.

Die 80er Jahre in der DDR werden zumeist mit Stagnation assoziiert. Gab es in Potsdam schon vor der Friedlichen Revolution gesellschaftliche Aufbrüche?
PUW: Potsdam galt als attraktiver Zuzugsort mit privilegierter Versorgung. Die Einwohnerzahl stieg unablässig. Zudem war es Ende der 80er Jahre eine Stadt mit jungen Bewohnern. Das sorgte für Dynamik. An ganz unterschiedlichen Stellen gab es dann ein gesellschaftspolitisches Erwachen. Immer häufiger regte sich Widerspruch gegen staatliche Bevormundung oder Umweltverschmutzung. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre nahm die Gründung von politisch-alternativen Gruppen zu. Hier ist die Rolle der Kirchen hervorzuheben: Mit 30 Einrichtungen, über 1000 Angestellten und 20.000 eingetragenen Mitgliedern waren sie fest in der Stadt verankert und boten Schutz und Freiraum. Einige der Initiativen versuchten, vorhandene staatliche Strukturen auszunutzen und konkret etwas zu unternehmen, etwa die Gruppe ARGUS, die stadtökologische Themen bearbeitete, oder die AG Pfingstberg, die das verwahrloste Areal ums Belvedere zu restaurieren suchte. Beide agierten unterm Dach des ansässigen Kulturbundes.
JB: Die Aufbruchsstimmung richtete sich insbesondere darauf, das Gesicht der Stadt wiederherzustellen – etwa hinsichtlich des Altstadtverfalls. Generell waren ganz verschiedene Kreise bemüht, die Lebens- und Wohnqualität in der Stadt zu verbessern. Hierbei ist interessant, dass zu den Engagierten viele Naturwissenschaftler gehörten. Da entlud sich nicht nur die Unzufriedenheit über eingeschränkte Arbeitsbedingungen, sie konnten auch mit ihren Erkenntnissen zu Themen wie Umweltverschmutzung fundiert argumentieren.

Im Herbst ’89 waren die Brandenburger Bezirke verhältnismäßig ruhig, Potsdam galt als ›rote Bezirksstadt‹. Was charakterisiert die Friedliche Revolution dort konkret?
PUW: Der wichtigste Aspekt ist der frühe Anfang. Der unmittelbare Revolutionsbeginn war die Informationsveranstaltung des Neuen Forums am 4. Oktober in der Babelsberger Friedrichskirche mit mehr als 3000 Potsdamern. Das war ein starkes Signal. Von da an gab es Demonstrationen im Wochentakt mit mehreren Tausend Leuten. Diese Dimension von öffentlichem Protest gab es anderswo in Brandenburg nicht.
JB: Eine Eigenheit ist auch, dass hier die SED nicht in Schreckstarre verfallen ist, wie das in anderen Städten der Fall war. Durch Dialogveranstaltungen hat sie während der Revolution versucht, ihre Präsenz im Stadtraum zu erhalten und handelnder Akteur zu bleiben.

Foto: Christopher Banditt

Wie verlief die Auseinandersetzung zwischen alten Kräften und Bürgerbewegung? Die Staatssicherheit war ja im Stadtgefüge mit Juristischer Hochschule in Golm und Bezirksbehörde in der Hegelallee sehr präsent. Letztere wurde im Dezember 1989 gewaltfrei von Bürgerrechtlern besetzt.
JB: Obwohl es auch in Potsdam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Verhaftungen gekommen ist, lief die Revolution insgesamt vergleichsweise gewaltfrei ab, was letztlich auch Glück war. Wie überall hätte es nämlich auch hier schiefgehen können. Die Frage, ob eine Demonstration oder Kundgebung gewaltfrei ausgeht, beruhte ja oftmals auf Entscheidungen Einzelner.
PUW: Letztlich gibt es nicht die Formel, die erklärt, warum die Ereignisse gewaltlos verliefen. Bis zum 9. Oktober, als in Leipzig die Sicherheitskräfte nicht gegen die 70.000 Demonstranten vorgingen, waren Verhaftungen normal, und es herrschte immer die Angst vor gewaltsamen Konfrontationen. Dass es zum Beispiel in Potsdam am 4. Oktober ruhig blieb, war auch der Abstimmung zwischen Kirche und Politik zu verdanken. Die SED-Kreisleitung war informiert, dass es diese Informationsveranstaltung in der Friedrichskirche geben würde. Sie verlangte allerdings, dass niemand auf Babelsbergs Straßen demonstriert. Die Menschen haben sich an den Aufruf der Initiatoren gehalten, nach der Veranstaltung nach Hause zu gehen und nicht die Polizeimacht durch einen Protestmarsch herauszufordern. Drei Tage später zeigte die Staatsmacht, dass sie auch anders kann. Am 7. Oktober demonstrierten 2000 Menschen in Potsdam für Reformen, was mit einem Polizeieinsatz und über 100 Verhafteten endete. Danach dachten allerdings die Funktionäre um, es setzte sich die Erkenntnis durch, dass Gewalt keine Lösung sei. Von da an entwickelte die Potsdamer SED eine ›Umarmungsstrategie‹. Sie organisierte ›Dialogveranstaltungen‹ und lud dazu die Bürgerbewegung ein. Ziel war es, Handlungsfähigkeit zu zeigen und die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen. Doch die Bürgerrechtler nahmen dies nicht einfach hin. Als die SED am 11. November in der Heinrich-Mann-Allee eine Kundgebung durchführte, zogen Tausende Gegendemonstranten dorthin. Es kam zum offenen Schlagabtausch, der aber friedlich blieb. Das gab es in vielen anderen Städten so nicht.

Der 89er-Herbst gilt als ›Revolution der 40-Jährigen‹. Welche Rolle kam eigentlich den Potsdamer Jugendszenen zu?
PUW: Potsdam hatte verschiedene Jugendszenen, hier gab es Punks, Skins, Heavies oder Grufties. Diese Szenen waren nicht immer politisch motiviert, wurden aber durch die Rahmenbedingungen der Diktatur politisiert. Eine kleine Anzahl von Jugendlichen engagierte sich bewusst politisch und organisierte eigene Aktionen. Beispiele hierfür sind die Antifa-Gruppe oder die Dritte-Welt-Initiative ›tierra unida‹, die noch heute besteht. Ihre Mitglieder nahmen früh an Demonstrationen teil, wie am 7. Oktober. Später verlief sich das allerdings. Eine Besonderheit von Potsdam ist, dass manche Mitarbeiter der staatlichen Kulturhäuser mit ihrer Programmgestaltung für subversive Unruhe sorgten – etwa wenn Punk-Bands im Lindenpark auftreten durften.
JB: Viele führende Protagonisten der Friedlichen Revolution in Potsdam waren tatsächlich zwischen 30 bis 40 Jahre alt und hatten bereits Familie. Zudem übten sie oft Berufe in Funktionen aus, die ihnen spezifische Einblicke in das marode System gewährten. Matthias Platzeck als Hygieneinspektor kannte die schlechten Luftwerte.

Gab es neben den fundamentalen Umwälzungen auch Kontinuitäten über den ›Riss der Epochen‹?
JB: Eine wesentliche Kontinuität war der Status Potsdams als regionales Zentrum. Es war also historisch vorgezeichnet, dass sich hier die Landeshauptstadt etabliert. Viele Institutionen wie die auf dem Telegrafenberg oder die Hochschule für Film und Fernsehen konnten sich in der Stadt halten. Auch Sportstadt ist Potsdam bis heute. Die Zuschreibung als ›rote Kaderstadt‹ trifft zwar nicht mehr zu, aber die PDS konnte sich nach dem Umbruch als starke politische Kraft etablieren.
PUW: Auch die Bürgerbewegung existierte über 1989 hinaus. Bei den ersten freien Wahlen zum Stadtparlament am 6. Mai 1990 erreichte das Listenbündnis Neues Forum/ARGUS über 16 Prozent, so viel wie die CDU. Während diese Bewegungen DDR-weit einbrachen, fuhren sie in Potsdam beste Ergebnisse ein. Auch Phänomene wie die Hausbesetzerszene, die in den 90er Jahren überdurchschnittlich groß war, besaßen ihre Anfänge vor der Revolution. Im Holländischen Viertel oder in den maroden Straßenzügen der Innenstadt lebte in den 80er Jahren eine größere Zahl von ›Schwarzwohnern‹, die illegal Wohnraum bezogen und einem alternativen Lebensmodell folgten. Generell ging der Umbruch auf verschiedenen Feldern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vonstatten. Das Tempo beim politischen Wandel war natürlich extrem schnell. Auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet war das anders: Die meisten Betriebe und Kulturhäuser existierten erst mal weiter. Das Dichtmachen, die großen Probleme kamen erst ab 1992/93.

Peter Ulrich Weiß, Jutta Braun:
Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren
be.bra wissenschaft verlag, 540 S.
ISBN 978-3-95410-080-4
28.00 €

 

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