Als Kommissar Kowalski jagt er in der ZDF-Serie ›SOKO Leipzig‹ Verbrecher – in seiner Freizeit betreut Steffen Schroeder seit vier Jahren als ehrenamtlicher Vollzugshelfer einen ehemals rechtsextremen Mörder. Seit 17 Jahren sitzt Micha im Gefängnis, Schroeder ist sein einziges Fenster zu der Welt außerhalb der Haftanstalt, besucht ihn und begleitet ihn bei Freigängen. Der Schauspieler bekommt Einblicke in den Gefängnisalltag und vor allem in Michas Leben. In seinem neuen Buch beschreibt Steffen Schroeder die Begegnungen mit einem Schwerverbrecher. friedrich sprach darüber mit ihm.

Foto Anne Heinlein

Herr Schroeder, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Micha, einem verurteilten Mörder, das erste Mal gegenübersaßen?
Da ist man natürlich schon ein bisschen aufgeregt. Ich habe mich vorher immer gefragt, was ich mit einem solchen Menschen gemeinsam haben würde? Ich vermutete, gar nichts. Er kommt ja noch dazu aus dem rechtsextremen Milieu, von dem er sich aber abgewendet hat – was für mich eine Grundvoraussetzung war, das alles zu tun. Ich war sehr überrascht, dass wir von Anfang an locker ins Gespräch kamen und sogar Parallelen entdeckten. Wir haben zum Beispiel vor vielen Jahren mal in Potsdam in derselben Straße gewohnt, und er hat ein Kind, das fast genau so alt ist wie mein Ältester. Auf den ersten Blick sieht er schon sehr martialisch aus, aber man merkte von Anfang an, dass er dankbar ist, dass da jemand kommt, der dafür offen ist, sich mit ihm zu beschäftigen. Das hat mir die Angst genommen.

Sie haben Ihr Buch ›Was alles in einem Menschen sein kann‹ genannt. Warum gerade dieser Titel?
Mir war wichtig, die Message des Buches in den Titel mit reinzupacken. Für mich passt der Titel sehr gut, weil ich total erstaunt war, jemanden kennenzulernen, mit dem ich mehr gemeinsam habe, als ich vorher gedacht hätte. Menschen, die solche Taten begehen, halten wir eigentlich für den Abschaum unserer Gesellschaft. Aber mal genau zu schauen, wie jemand eigentlich so geworden ist, das ist das, was mich bewegt und was auch im Titel steckt.

Sie sagen, dass es einige Parallelen zwischen Ihrem und Michas Lebenslauf gibt. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass der eine zum Mörder, der andere beispielsweise Schauspieler wird?
Ich habe im Buch beschrieben, dass es in meiner Jugend schwierige Phasen gab, in denen ich viele Probleme hatte. Eigentlich stammte ich aus einem sehr behüteten Elternhaus, aber als damals mehrere Sachen zusammenkamen, in der Schule und mit Freunden, alles gleichzeitig, hat mich das ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich glaube, dass die Gesellschaft, die Familie und das Umfeld eine große Rolle spielen im Leben eines Menschen und dabei, wie man sich am Ende entwickelt. Manche Leute missverstehen das und halten mich für einen ›Täter-Versteher‹. Was ich für vollkommenen Quatsch halte und auch nicht so sehe. Aber niemand wird als Mörder geboren. Warum Menschen wie Micha, der ja nun einige Gewaltdelikte auf dem Kerbholz hat, sich so entwickeln, hat mich dazu bewegt hinzuschauen. Der hat doch so nicht gestartet. Wie ist er denn so geworden? Ich habe mich mit vielen Häftlingen unterhalten, und viele von ihnen stammen aus Heimen, aus zerrütteten Elternhäusern, haben viel Gewalt erlebt, hatten drogen- oder alkoholabhängige Eltern. Davor kann man nicht die Augen verschließen. Mir geht es darum zu schauen, was man vielleicht unternehmen kann, bevor sich Leute in so eine Richtung entwickeln.

Inwiefern beeinflussen die Erfahrungen mit Micha und seiner Geschichte Ihr eigenes Leben und Ihre Weltsicht?
Ich bin vielleicht noch etwas zurückhaltender mit meinen Urteilen über andere geworden und versuche zu hinterfragen, warum jemand reagiert, wie er reagiert. Täter, die solche furchtbar schlimmen Gewaltdelikte verübt haben, werden als Monster dargestellt. Die Tat ist natürlich auch monströs, aber früher habe ich auch wirklich so ein ›Monster‹ vor mir gesehen. Eine Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass es unter diesen extremen Gewalttätern oft Menschen gibt, die letzten Endes mal sehr sensibel und ›weich‹ waren und gerade auch deswegen mit bestimmten Umständen in ihrer Umgebung nicht klargekommen sind. Das habe ich mir vorher nie so vorgestellt.

Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, dass Micha und Sie sich mittlerweile sehr vertraut sind. Würden Sie sagen, Sie sind so etwas wie Freunde?
Ich sehe das durchaus so. Allerdings habe ich gemerkt, dass das manchmal schwierig wird mit den Boulevardmedien. Als ich sagte ›Ja, wir sind schon so eine Art Freunde‹, wurden daraus Schlagzeilen gemacht wie ›SOKO-Star befreundet mit einem Mörder‹. Das klang dann so, als wäre er mein allerbester Busenfreund. Ich würde schon sagen, dass wir ein freundschaftliches Verhältnis haben. Und ich denke auch, dass das Verhältnis zwischen Gefangenem und Vollzugshelfer etwas distanzierter gedacht ist, aber bei uns ist es eben so gelaufen. Wir haben gemeinsam Dinge erlebt. Als Michas bester Freund im Gefängnis gestorben ist, habe ich mich dazu überreden lassen, die Beerdigung zu organisieren. Damit sind wir uns vermutlich auch näher gekommen. Aber es ist trotzdem ein sehr starkes Abhängigkeitsverhältnis. Ich habe viele Freunde, viele Kollegen in meinem Umfeld, dazu noch meine Familie. Im Leben von Micha bin ich der einzige Bezugspunkt nach draußen. Das gibt mir eine große Verantwortung, die manchmal auch zur Belastung werden kann.

Macht Ihnen das Angst?
Ja, das macht mir zuweilen durchaus Angst, weil man merkt, dass man so wichtig im Leben des anderen ist. Es ist einfach ein Ungleichgewicht. Allerdings bekomme ich wirklich viel Dankbarkeit, oder auch mal einen rührenden Brief oder ähnliches. Aber manchmal denke ich schon: ›Oh Gott, das wird mir aber ein bisschen viel‹. Man ist dem anderen aber jetzt so wichtig, dass man es nicht einfach wieder zurückschrauben kann.

Wie stellen Sie sich den Kontakt zu Micha vor, nachdem er aus der Haft entlassen wurde? Haben Sie überhaupt vor, ihn so lange zu begleiten?
Ich versuche gar nicht, so weit in die Zukunft zu denken, weil die Dinge meist anders laufen, als ich es mir vorstelle, aber natürlich werde ich weitermachen. Bisher ist Micha nicht weiter gelockert worden, aber sollte das der Fall sein, würde das heißen, dass bei Ausführungen demnächst nur noch ich dabei bin und einen Nachmittag mit ihm in der Freiheit verbringe. Irgendwann darf er mal ein Wochenende außerhalb der Haftanstalt verbringen, und dann kommt er in den offenen Vollzug. Noch ist nicht abzusehen, wann Micha rauskommt, aber es ist natürlich wichtig, ihn zu begleiten. Jetzt und auch dann, wenn er draußen ist.

Im Buch erfahren wir viel über Michas Privatleben, aber auch einiges über Sie. Inwieweit lassen Sie ihn an Ihrem Leben teilhaben, wie viel erzählen Sie?
Ich erzähle ihm öfter von meinen Dreharbeiten. Er spricht mich auch immer wieder auf Dinge in der Serie an und erzählt mir dann, dass das in Wirklichkeit gar nicht so abläuft. Das finde ich schon ganz lustig. Wenn wir mit der Familie irgendwo im Urlaub sind, dann freut er sich wahnsinnig über Postkarten. Für ihn ist das spannend, er kennt das Ausland ja gar nicht. Ich schicke ihm auch Fotos und erzähle ihm von meinen Erlebnissen oder einem Streit mit meinem Sohn. Ich habe gemerkt, dass er sich freut, wenn ich ihn an solchen Dingen teilhaben lasse. Freundschaftsverhältnisse sind im Gefängnis sehr schwierig. Alles, was man an engsten, intimen Informationen an einen Freund preisgibt, kann irgendwann gegen einen verwendet werden. Diese Infos werden von anderen verraten, wenn sie sich dadurch beispielsweise eine Hafterleichterung erhoffen.

Micha hat das Buch sicherlich gelesen. War er anfangs sofort damit einverstanden, dass Sie ein Buch schreiben? Wie war seine Reaktion darauf?
Ja, er war von Anfang an einverstanden, fand die Idee gut und war, was mich überrascht hat, sehr mutig. Er hat immer zu mir gesagt, dass ich alles schreiben darf. Ich habe ihm dann natürlich auch gesagt, dass ich kein Buch schreiben kann, in dem ich nur seine angenehmen Seiten beschreibe, sondern alles thematisieren werde, auch das Negative. Seine Taten genauso wie den langen Weg seiner Schuldannahme. Ich habe ihm dann immer einzelne Passagen vorgelesen, alles was ihn persönlich betroffen hat. Trotzdem war ich dann am Ende sehr aufgeregt, ob ihm das Buch in Gänze gefällt. Er war begeistert und hat es an einem Tag durchgelesen.

Steffen Schroeder:
›Was alles in einem Menschen sein kann‹
Begegnung mit einem Mörder
Rowohlt Verlag, 304 S.
ISBN: 978-3-8713-4087-1
 

Steffen Schroeder liest aus seinem Buch vor: am 9. Juni auf dem Hochschulfest der Fachhochschule Potsdam, am 5. Juli in der Kleist-Schule Potsdam

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