Foto: Jonathan Pielmayer

Wer kennt ihn inzwischen nicht: den Commissario Guido Brunetti, der im malerischen Venedig Fälle von Korruption, Umweltskandalen, Sextourismus und vielem mehr aufklärt. Erdacht hat sich die Geschichten um den venezianischen Polizeiermittler die US-amerikanische Krimi-Autorin Donna Leon, die selbst seit Langem in der italienischen Lagunenstadt lebt. Dieser Tage ist der 26. Brunetti-Roman der Schriftstellerin erschienen. Er heißt ›Stille Wasser‹ und wurde, wie auch seine Vorgänger, im Diogenes Verlag veröffentlicht. Krimi-Begeisterte können Donna Leon im Rahmen des Festivals LIT:potsdam (siehe Seite 14 in diesem Heft) nun im Nikolaisaal erleben. Dort stellt sie am 8. Juli um 20.30 Uhr ihr neuestes Buch vor. Die Autorin wird dabei von Schauspielerin Annett Renneberg begleitet. Sie verkörpert in der Fernseh-Verfilmung der Brunetti-Romane Signorina Elettra Zorzi, die attraktive, gewitzte Sekretärin von Brunettis Vorgesetztem, dem tolpatschigen, eitlen und opportunistischen Polizeichef Vice Questore Giuseppe Patta. friedrich sprach mit Donna Leon über ihre bekannte Roman-Figur, ihr Leben in Venedig und über Potsdam.

Foto: Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Mrs. Leon, Sie beziehen sich in Ihrem Romanen oft auf jeweils aktuelle Probleme und Entwicklungen. In Ihrem neuen Buch, Brunettis 26. Fall, bekommt der Commissario einen Schwächeanfall und nimmt Erholungsurlaub. Greifen Sie damit das anscheinend sich verbreitende Burn-Out-Syndrom auf oder woher kam die Idee dazu?
Ich hatte einfach nach einer Möglichkeit gesucht, um Brunetti für einige Zeit in die Laguna zu bringen. Und ihm einen Fall zu geben, bei dem er eine Art Burn-Out bekommt, schien mir ein guter Weg zu sein, das zu erreichen.

Wie finden Sie als Autorin die filmische Umsetzung Ihrer Brunetti-Romane? Entspricht die Fernsehserie den Vorstellungen, die Sie selbst von den Figuren und von der Atmosphäre Ihrer Bücher haben?
Ich kenne die Verfilmungen ehrlich gesagt gar nicht allzu gut. Deswegen kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten.

Es gibt inzwischen gefühlt Tausende von Krimi-Autoren, Kommissaren und Krimi-Verfilmungen. Kann man sich da überhaupt noch Neues ausdenken oder sind das letztlich nur Variationen? Wie entstehen Ihre Roman-Ideen?
Viele meiner Ideen entstehen aus dem Klatsch, den ich in Bars höre, oder aus Dingen, die ich in der Zeitung lese. Manchmal inspirieren mich auch Geschichten, die Freunde mir erzählen, ein anderes Mal sind es dann wieder Gespräche, die ich aufschnappe. Aber ich denke, das Thema, von dem Kriminalromane zunehmend handeln werden, ist die unglaublich schlechte Umweltsituation, in der wir uns momentan befinden.

Man hat den Eindruck, dass in Krimis inzwischen weitgehend auf Blutrünstigkeit und Schock-Effekte gesetzt wird und dass die Welt dort nur noch aus kranken Psycho-Freaks besteht. Wie empfinden Sie als Autorin die Entwicklung in Literatur und Film, seit 1992 Ihr erster Brunetti-Roman erschien?
Ich lese keine Kriminalromane, also erfahre ich von neuen Themen für Krimis, indem ich Artikel über Kriminalliteratur lese. Aber ja, es scheint so zu sein, dass die Menschen immer mehr Zeit damit verbringen, über Gewalt zu schreiben oder Gewalt zu beschreiben, vor allem sexuelle Gewalt. Und andere Menschen verbringen mehr Zeit damit, darüber zu lesen. Ich habe keine Antwort darauf, was genau das verursachen könnte, von einer allgemeinen Eskalation der Gewalt in Sprache und Politik mal abgesehen.

Sie sind im Laufe Ihres Lebens viel herumgekommen: Sie wurden in New Jersey geboren und waren dann unter anderem Reisebegleiterin in Rom, Werbetexterin in London und Lehrerin im Iran und in China. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, in der Schweiz und in Italien zu leben? Was macht diese beiden Länder für Sie besonders?
Ich liebe Italien wegen der simpatia, wegen der Wärme und Freundlichkeit des Volkes. Außerdem ist da auch noch die unendliche Schönheit des Landes und insbesondere Venedigs. Aber Venedig ist zu einem solchen Zentrum für den Tourismus geworden, dass es unangenehm ist, sich dort einen Großteil des Jahres aufzuhalten. Deshalb fliehe ich dann gern in eine kleine Stadt in den Bergen der Schweiz, wo es schön und friedlich und überhaupt nicht überfüllt ist und wo es nicht so touristisch zugeht.

Sie schreiben nicht nur Krimis, sondern haben sich auch auf ›Spurensuche in Händels Opern‹ begeben und über Venedigs Gondellieder erzählt. Welche Bedeutung spielt Musik in Ihrem Leben? Besteht eine Wechselwirkung zwischen der Musik, die Sie hören, und Ihren Büchern?
Ich liebe die barocke Vokalmusik, die für mich den höchsten Ausdruck des Operngenies darstellt. Tatsächlich höre ich wenig Musik, die keine Vokalmusik ist. Ich höre vor allem Opern. Aber zwischen meinen musikalischen Vorlieben und den Büchern gibt es keinerlei Verbindung.

Waren Sie schon einmal in Potsdam?
Ja, ich war schon einige Male dort. Es ist eine wunderbar schöne Stadt, umgeben von herrlichen Parks und Seen und reich an wunderschönen Villen.

Potsdam wurde in der Vergangenheit auch als ›Klein-Venedig‹ bezeichnet. Wie wäre es denn, wenn Brunettis 27. Fall in Potsdam spielen würde? Zumal Uwe Kockisch als ehemaliger DEFA-Schauspieler die Stadt bestimmt noch gut kennt.
Brunetti muss in Venedig bleiben. Es ist der einzige Ort, den er versteht und an dem er sich zu Hause fühlt. Und es ist der einzige Ort, wo er vielleicht eine Ahnung von dem haben könnte, was dort vorgeht.

 

 

Donna Leon:
›Stille Wasser‹
Diogenes Verlag
352 S.
ISBN: 978-3-257-06988-4
24.00 €

 

 

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