Der Saal heute

Die lange und bewegte Geschichte des Gasthofes ›Zur Eisenbahn‹ begann 1879. In diesem Jahr bebauten Mathilde und Albert Kabler, die Urgroßeltern der heutigen Betreiberin Renate Lange, das Grundstück in der Bahnhofstraße 12 in Groß Kreutz. »Meine Uroma hatte das Land zur Hochzeit geschenkt bekommen, dort war nur Acker und Wiese«, erzählt Renate Lange. »Meine Urgroßeltern haben das Haus gebaut und eine reine Schankwirtschaft betrieben, das heißt, es wurde nur dann gekocht, wenn größere Veranstaltungen wie Hochzeiten stattfanden.« An das Gasthaus war zudem eine Ausspannung angeschlossen: Da die Wirtschaft aufgrund der Nähe zum Bahnhof verkehrsgünstig gelegen war, vermieteten die Kablers Pferdefuhrwerke. »Viele Handelsreisende, die in die umliegenden Orte wollten, stiegen am Bahnhof aus und liehen sich hier ein Fuhrwerk aus.«
Langes Großeltern vergrößerten die Lokalität und bauten um 1900 einen Saal an. Als auch der für die regelmäßigen Veranstaltungen zu klein wurde, wurde der Saal 1928 auf seine jetzige Fläche erweitert. »Zu der Zeit war mein Opa, Fritz Schmidt, schon sehr krank«, so Lange. »Genau am Tag der Einweihungsfeier ist er dann gestorben.«
Nach dem Tod des Großvaters übernahm Langes Vater Hans Schmidt mit 21 Jahren das Geschäft. Bis 1939, als er eingezogen wurde. Während des Zweiten Weltkriegs ruhte der Gaststättenbetrieb. In diesen Jahren wurde das Gebäude zunächst von einem Berliner Holzgroßhandel genutzt, der dort Sperrholz einlagerte. Nach 1945 diente es der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft als Getreidespeicher. »Nahrungsmittel waren nach dem Krieg knapp, darum wurde oft eingebrochen und Getreide geklaut.«
Nach dem Krieg begann der Neuanfang. »Meine Eltern waren mit einem Tischler befreundet, der hat wieder Fenster eingebaut. Und 1948 kehrte mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heim. Dann wurde die Gaststätte wiedereröffnet.« In den 1950er Jahren brummte der Laden, denn in der Nachkriegszeit war den Menschen nach Unterhaltung zumute. In der Gaststätte fanden regelmäßig Tanzveranstaltungen statt, die immer gut besucht waren. »Die Leute sind mit dem Fahrrad aus den umliegenden Orten hergekommen. Darum hatten wir auf dem Hof Ständer aus Holzstangen. Ein extra Angestellter nahm die Fahrräder entgegen und steckte Nummern in die Speichen, damit am Ende jeder wieder seinen Drahtesel bekam.«
1959 verlor Vater Schmidt die Gewerbekonzession. »Bei einer Tanzveranstaltung wurden wir nach null Uhr wegen des Jugendschutzgesetzes überprüft. Es stellte sich heraus, dass ein Besucher unter 18 Jahre war. Das reichte, um meinem Vater die Konzession zu entziehen. Mein Vater vermutete, dass man ihm den Jungen ›untergemogelt‹ hatte, denn er hatte das Alter der Gäste vorher kontrolliert.« Die Folge war, dass Hans Schmidt sein Geschäft vermieten musste, entweder an die HO oder an den Konsum. »Er hat sich für Letzteres entschieden und war dadurch im eigenen Haus Angestellter des Konsums.«

Der Gasthof ›Zur Eisenbahn‹ 1910, hier noch mit Holzveranda
Der Gasthof ›Zur Eisenbahn‹ heute. Die steinerne Veranda wurde um 1938 gebaut

Renate Lange selbst hatte nie Lust, den Betrieb zu übernehmen. »Ich war ein junger Mensch und wollte nicht dann arbeiten, wenn andere feiern. Ich lernte Industriekaufmann und arbeitete bis 1980 in einem Büro in Potsdam.« Nachdem Langes Eltern 1976 in Rente gegangen waren, stellte der Konsum verschiedene Gaststättenleiter an. »Mein Vorgänger war ein Mann aus Groß Kreutz, der hat das Geschäft ganz schön runtergewirtschaftet«, erinnert sich Lange. »Irgendwann hat mein Mann dann gesagt: ›Lass uns das selbst machen‹. Zuerst war ich nicht begeistert, aber ich habe mich breitschlagen lassen.« Im Mai 1980 fingen die Langes als Konsum-Angestellte an. Doch schon kurz darauf starb Horst Lange plötzlich. Dagegen, dass der Konsum daraufhin einen männlichen Leiter einstellen möchte, wehrte sich Renate Lange erfolgreich: 1982 erhielt sie die Gewerbeerlaubnis als Kommissionshändlerin. Seitdem führt sie den Familienbetrieb. »Nach der Wende haben Freunde gesagt: ›Jetzt kannst du hier alles schön ausbauen und erneuern‹. Aber das war gar nicht meine Absicht. Ich wollte es so urig belassen, wie es ist.«
So ist es bis heute. Das Gasthaus ›Zur Eisenbahn‹ besticht durch seinen rustikalen, ländlichen Charme. Dort können die verschiedensten Events begangen werden. Der Saal mit seinen bis zu 180 Sitzplätzen steht für Vereins-, Tanzveranstaltungen und Familienfeierlichkeiten zur Verfügung. Das kleine herzliche Team richtet für 20 bis 150 Personen kalt-warme Buffets an. Es lohnt sich aber auch, einfach nur im Sommergarten zu sitzen und bei einer Tasse Kaffee den hausgebackenen Kuchen zu genießen. Ein historischer Hingucker befindet sich zudem vor dem Haus: Dort ist noch die Umfassung der ehemaligen Fuhrwerkswaage zu erkennen, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden war und noch bis in die 1960er Jahre genutzt wurde.

Gasthaus ›Zur Eisenbahn‹
Bahnhofstraße 12
14550 Groß Kreutz (Havel)
T 033207.32217
Öffnungszeiten: Fr ab 17 Uhr, Sa und So ab 12 Uhr

 

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