Wie kaum ein Zweiter verstand es Franz Kafka, absurde Situationen zu beschreiben. Es fühlt sich förmlich beklemmend an, wenn man in ›Der Prozess‹ einen gewissen Josef K. begleitet, der (vergeblich) gegen die Mühlen der Bürokratie ankämpft, sich wie ein Käfer abstrampelt und dennoch von einer Sackgasse in die nächste gerät. Dass Kafka als Mitarbeiter einer Prager Versicherungsanstalt Inspiration aus seiner täglichen Arbeit gezogen hat, ist anzunehmen. Interessant ist aber zudem eine weitere Inspirationsquelle des Autors: Kafka war ein begeisterter Kinogänger. Schauspieler Hanns Zischler verfolgte jahrzehntelang seine Spur. Anhand von zahlreichen Fotos, Programmzetteln und Archivmaterialien hat er kenntnisreich rekonstruiert, in welche Kinos der Schriftsteller ging und welche Filme, Szenen und Schauspieler ihn beeindruckten. Etwas gewöhnungsbedürftig bei der Lektüre ist der eckige Schreibstil Zischlers. Auch die Anordnung der Beiträge erscheint etwas chaotisch. Aber insgesamt entführt einen das Buch zu einer spannenden Zeitreise ins frühe 20. Jahrhundert. Ursprünglich erschien Zischlers Buch vor 20 Jahren. Die vorliegende Neuausgabe hat er noch um viele neue Erkenntnisse ergänzt. Eine schöne Zugabe ist die enthaltene DVD mit den wichtigsten Filmen, die Kafka sah. Zischler wird im Rahmen des Festivals LIT:potsdam (siehe S. 14 in diesem Heft) zu Gast in Potsdam sein.

 

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