Fachhochschule Potsdam

Spezifische Geschichten von öffentlichen Gebäuden der 1960er und -70er Jahre – die erzählt das Buch ›Architekturen des Gebrauchs‹ der Berliner Architekturjournalistin Dina Dorothea Falbe und ihrem Mann, dem Fotografen Christopher Falbe. Es erscheint in diesem Monat und stellt drei Bauwerke aus dem Osten und drei aus dem Westen Deutschlands vor.
Beispiel für die Baukunst der DDR ist unter anderem die Fachhochschule Potsdam. »Die haben wir zum einen mit aufgenommen, weil sie zur Zeit Gegenstand hitziger Debatten ist und es viel Protest gegen den Abriss gibt«, sagt Dina Falbe. »Zum anderen finden wir es sehr bedauerlich, dass dieses tolle Gebäude weder richtig erforscht wurde, noch im Rahmen der Stadtpolitik wertgeschätzt wird.«
Ein weiteres Bauwerk, dem sich das Buch widmet, ist der Flughafen Berlin-Schönefeld. »Von dem aktuellen Bezug zum BER mal abgesehen, der ein schönes Beispiel dafür ist, wie wir derzeit unsere Gesellschaft ›bauen‹, zeigt die Geschichte des Flughafens Schönefeld, dass die Lösungen, die ostdeutsche Architekten für ihre Projekte fanden, teilweise sehr zukunftsträchtig waren«, so Falbe.
Ein positives Beispiel für die Umnutzung und damit die Erhaltung historischer Bausubstanz ist die alte Parteischule in Erfurt. Sie wird heute auf unterschiedliche Weise genutzt. So fanden dort schon Rock-Konzerte, aber auch Tagungen der Wirtschaftsjunioren statt. »Die Parteischule steht am Stadtrand, weshalb es hier sicher andere Interessen für die Stadtentwicklung gibt, als es in der Innenstadt der Fall wäre«, sagt Falbe. »Dass keine Rivalität mit älterer Baukultur besteht, hat sicherlich dazu beigetragen, dass hier die Chance genutzt werden konnte, das ehemalige ›Rote Kloster‹ der Öffentlichkeit als ›Stadthalle‹ zur Verfügung zu stellen.«
Die westliche Architektur ist etwa mit dem Rathaus in Elmshorn in der Nähe von Hamburg vertreten. »Das Rathaus steht unter Denkmalschutz, aber es gibt klimatische Probleme, deshalb will die Stadtverwaltung das Haus verkaufen und an einem anderen Standort neu bauen«, so Dina Falbe. »Es ist eine schwierige Situation, aber es wäre schade, wenn das Rathaus deshalb abgerissen würde.« Daneben werden noch die Medizinische Hochschule Hannover und der Hauptbahnhof Ludwigshafen beleuchtet.

Dina und Christopher Falbe

Das Buch ist interdisziplinär angelegt und beinhaltet neben Fotos und Zeichnungen auch Fachtexte und Interviews. So ist auch ein Gespräch mit den Architekten des Potsdamer FH-Gebäudes zu finden. »Wir fanden es wichtig, in den ganzen Debatten über den Abriss die Erschaffer der Bauwerke selbst mal zu ihrer persönlichen Motivation bei der Planung zu befragen«, so Dina Falbe. »Denn gerade in Bezug auf die Architektur der DDR wird oft vergessen, dass nicht immer nur ideologische Vorgaben der Partei ausschlaggebend waren, sondern dass sich die Architekten bei ihren Entwürfen etwas gedacht haben. Erst dadurch sind teilweise interessante Dinge entstanden, die es definitiv Wert sind, dass man sie erhält und sich näher mit ihnen befasst.«

›Architekturen des Gebrauchs‹ Die Moderne beider deutscher Staaten 232 Seiten 39.00 € Erscheint im Juli 2017

Die einzelnen Gebäude wählten Dina und Christopher Falbe aufgrund verschiedener persönlicher Bezüge aus. »Auf die Parteischule in Erfurt sind wir in unserer Zeit in Weimar gestoßen, wo wir studiert haben. Und am Bau der Medizinischen Hochschule in Hannover war mein Opa beteiligt«, so Dina Falbe. »Das FH-Gebäude in Potsdam haben wir bei einem Besuch gesehen und fanden es sofort toll.« Und auf den Flughafen Schönefeld ist Dina Falbe aufmerksam geworden, weil sie ihn selbst oft benutzt hat. »Bei allen Bauwerken war uns wichtig, dass sie spannende Geschichten über ihre Zeit erzählen. Außerdem wollten wir die Parallelen zwischen der Architektur in Ost und West zeigen, denn die Architekten standen auf verschiedenen Wegen im Austausch miteinander.« Dina und Christopher Falbe hoffen, dass sie, indem sie vor allem auch die Gemeinsamkeiten bestimmter architektonischer Ideale in Ost und West herausarbeiten, mit ihrem Buch Vorurteile auf beiden Seiten abbauen und Anknüpfungspunkte für eine gemeinsame Identität schaffen können.

Flughafen Berlin-Schönefeld

Die Idee zu ›Architekturen des Gebrauchs‹ entstand während des Studiums an der Bauhaus-Universität Weimar. Dort setzte sich die Initiative Mensadebatte 2013 erfolgreich für den Erhaltung der Mensa am Park ein – ein nachkriegsmoderner Bau aus der DDR. »Mit dem Projekt ›Architekturen des Gebrauchs‹ wollen wir zeigen, dass es an vielen Orten im ehemaligen Osten und Westen ähnliche Fälle gibt«, erzählt Dina Falbe. »Wir wünschen uns, dass wir mit dem Buch mehr Leute motivieren können, sich für Gebäude aus dieser Zeit zu interessieren und zu engagieren.« Die Umsetzung ihres Buches erfolgte mithilfe eines Crowdfundings, das Dina und Christopher Falbe Anfang dieses Jahres durchführten. Unterstützt wird die Produktion von der Kulturlobby Potsdam.

 

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