Schriftsteller und Schauspieler Jochen Stern veröffentlichte jüngst Teil eins seines zweiteiligen Romans ›Die ewige Morgenröte‹. Darin beschreibt er den Versuch der Nachkriegsgeneration, sich 1945 in Frankfurt (Oder) am Wiederaufbau der anfangs demokratisch erscheinenden DDR zu beteiligen. Dabei schildert Stern zum Teil eigene Erfahrungen wie seine mehrjährige Haftstrafe in Bautzen Der 89-Jährige verarbeitet in seinem Buch aber nicht nur Erlebtes, vielmehr möchte er gerade jungen Menschen vermitteln, wie kostbar und erhaltenswert die bestehende Demokratie ist. Am 3. Oktober um 18 Uhr liest Jochen Stern in Potsdams Gedenkstätte Lindenstraße, wo er von 1947 bis 1948 ebenfalls inhaftiert war, aus seinem Buch. friedrich sprach vorab mit dem sympathischen Darsteller.

Herr Stern, Sie sind gerade inmitten einer Lesereise zu Ihrem Buch. Worum geht es darin und was bedeutet der Titel?
Ich habe diesen Titel gewählt, weil Lenin 1917, zu Beginn der Oktoberrevolution, immer wieder davon sprach, dass die Umwandlung einer Gesellschaft, in der sich der einfache Mensch nicht ohne Schranken bewegen konnte, zu einer klassenlosen Gesellschaft durch permanentes revolutionäres Wirken möglich wäre. Das hat er bildlich dargestellt, indem er sagte: ›Im Moment haben wir noch die Morgenröte.‹ Er stellte damit eine strahlende Zukunft in Aussicht, das selige Paradies einer klassenlose Gesellschaft. Tatsächlich wurde nichts daraus, Bürgerkrieg brach aus, es gab politische Verfolgung. Und was blieb, war quasi eine ewige Morgenröte.

Diese ›ewige Morgenröte‹ symbolisiert also das, was niemals eintrat …
Ganz genau. Irgendjemand hat mal gesagt, dass er immer nur die Morgenröte sehe – wann denn nun endlich der Sonnenaufgang komme? Das war natürlich eine Frage, die den kommunistischen Machthabern nicht gefiel. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil nie in die Realität umgesetzt werden konnte, was immer wortreich prophezeit wurde. Es gab nur eine permanente Revolution, die aber wirkungslos war. Später hat das ja auch Stalin auf seine Art übernommen. So blieb lediglich immer diese Morgenröte am Horizont.

Der erste Teil Ihres Werkes heißt ›Tage des Erwachens‹. Schon jetzt arbeiten Sie am zweiten Werk: ›Das Leben ist kein Spiel‹. Worum geht es darin?
Es beinhaltet all die Geschehnisse, die mit meinen persönlichen Erfahrungen zusammenhängen: Wie ein Aufbruch in Richtung Demokratie unternommen werden sollte – denn genau danach sah es in der sowjetischen Besatzungszone nach Ende des Zweiten Weltkriegs ursprünglich aus. Man muss bedenken, dass die Bevölkerung von Frankfurt an der Oder, wo ich herkomme, im Februar 1945 evakuiert worden war. Die Bewohner der Stadt kamen nach dem 8. Mai 1945, der Kapitulation des Dritten Reichs, allmählich zurück. Die Innenstadt war zu 90 Prozent zerstört. Nur die Randgebiete waren erhalten. Auch ich kehrte in meine Heimatstadt zurück, kam in meine Wohnung, in der außer einer schweren Anrichte alles geplündert worden war.

Ihre Generation kam also aus dem grausamen Geschehen der Hitlerzeit und des Zweiten Weltkriegs zurück und hatte den Traum, jetzt eine Demokratie aufzubauen.
Genau. Bis dahin wussten wir ja gar nicht, was Demokratie überhaupt ist. Aber man hatte uns durch die Gründung der vier Parteien KPD, SPD, CDU und LDP zu verstehen gegeben, dass so etwas nun entsteht. Wir jungen Menschen stürzten uns mit voller Begeisterung hinein – um dann plötzlich festzustellen, dass tatsächlich der Ulbrichtsche Grundsatz: ›Es muss wie eine Demokratie aussehen, aber wir haben die Macht‹ zum Tragen kam. Und wie diese Macht aussah, welche Einseitigkeit und welche Struktur hin zur Diktatur sich entwickelte, das ist das Kernproblem meines Buches.

Sehr bedrückend ist die Schilderung Ihrer Haft unter der sowjetischen Besatzungsmacht im KGB-Gefängnis in Bautzen. Es ist unvorstellbar, wie sich ein 19-Jähriger fühlen muss, der unschuldig für lange Zeit inhaftiert wird. Das Ministerium für staatliche Sicherheit der Sowjetunion, das später durch die Staatssicherheit der DDR abgelöst wurde, war für Ihre Festnahme verantwortlich. Womit wurde diese begründet?
Bei meiner Verhaftung war ein deutscher Zivilist dabei. Der kam von der sogenannten K5, der politischen Geheimpolizei. Hier lernten die Deutschen von den Sowjets, wie man mit Menschen umzugehen hat, die nicht ins Raster passen. Ich saß von 1947 bis 1954 im Gefängnis. Bei meiner Entlassung wurde ich immer wieder gefragt: ›Was hattest du denn angestellt? Du musst doch irgend etwas verbrochen haben.‹ Ich hatte immer Schwierigkeiten zu erklären, dass man dabei westliches Denken komplett ausschalten muss. Entscheidend für die Strafmaßnahmen, die die Geheimpolizei vornahm, war das revolutionäre Bewusstsein. Es ging nicht darum nachzuweisen, dass jemand Spionage und Widerstand betrieben hatte, sondern darum, Beweise zu finden – auf ihre Art und mit ihren Methoden natürlich –, dass die Menschen, die dort vor dem Militärtribunal standen, schlimme Verbrecher waren. Diese Massenverhaftungen, die in Frankfurt stattfanden – ich gehörte einem Fall an, der 45 Personen betraf –, wurden nämlich anschließend vor dem sowjetischen Militärtribunal in Potsdam, in der heutigen Gedenkstätte Lindenstraße, verurteilt.

Was wurde Ihnen vorgeworfen?
Alles, was uns vorgeworfen wurde, war erstunken und erlogen. Das ist durch Foltermethoden wie Schläge und Körperverletzung, durch Wasser-Karzer, durch Demütigungen aller Art passiert. Zum Schluss ist einem alles egal, man will nur noch lebend aus diesen Strapazen herauskommen. Wir haben am Ende alles unterschrieben, was uns vorgeworfen wurde. Ich selbst hatte überhaupt nichts im Sinne von Spionage oder Widerstand unternommen. Ich hatte nur meine Meinung in kleineren Zirkeln, beispielsweise als Mitglied der LDP, als Junglehrer, wie viele meiner Freunde auch, die ebenfalls verhaftet wurden, geäußert. Wir fühlten uns beispielsweise benachteiligt von der Fusion von KPD und SPD zur SED. Die SED hatte diktatorisch entschieden, dass man sich dem Antifa-Block anzuschließen hatte, egal, welcher Partei man anhängig war. Es wurden Tagebbücher mit Adressenlisten von Freunden beschlagnahmt, wo auch mein Name drin stand. Sie wurden erpresst, wenn sie diese nicht rausrückten, dass die Familien inhaftiert würden. Mir warf man Spionage vor. Vermeintlicher Widerstand und Störungen im System wurden eliminiert. Wir waren in unserem jugendlichen Idealismus davon ausgegangen, dass wir in einer Demokratie leben.

Wie kamen Sie da wieder heraus?
Eigentlich waren wir zu 25 Jahren Haft verurteilt. Im Frühjahr 1950 wurde die Haftanstalt Bautzen an die DDR übergeben und von der Volkspolizei übernommen. Viele von uns dachten, jetzt würde uns Gerechtigkeit widerfahren, stattdessen behandelte man uns wie Schwerverbrecher. Ich saß weiterhin in Bautzen. Die Entlassung erfolgte schließlich auf Anweisung aus Moskau. Ein Beamter von der Stasi erklärte, dass mir aufgrund einer großzügigen Amnestie durch die Sowjetunion 18 Jahre Haft erlassen würden. Man ließ mich noch einige Zeit schmoren, dann durfte ich zu meinen Eltern ins Rheinland.

In den 1990er-Jahren sind Sie seitens der russischen föderativen Generalstaatsanwaltschaft in Moskau rehabilitiert worden. Das heißt, man hat eingestanden, dass Sie zu Unrecht verurteilt wurden.
Ja, mehr kam von den Russen nicht. Von der Bundesrepublik wurde ein Häftlingshilfegesetz verabschiedet. Danach wurden wir mit zehn DM pro Tag entschädigt. Das Makabere daran ist, dass der ehemalige Vorsitzende des DDR-Ministerrates und des Staatsrates, Willi Stoph, nach der Wende aufgrund seines Gesundheitszustandes und seines Alters nicht verurteilt wurde. Stattdessen bekam er ebenfalls eine Entschädigung für seine Untersuchungshaft – allerdings zwanzig DM pro Hafttag. Das wurde später bei politischen Häftlingen auch angeglichen.

Was geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg bei Ihren Vorträgen?
Ich versuche ihnen bewusst zu machen, wie wichtig es ist, die Demokratie zu bewahren und zu schützen. Außerdem gebe ich allen Menschen gern einen Satz mit auf dem Weg: ›Wenn du im Leben nicht lachen kannst, dann ist dir dein Leben nicht geglückt.‹ Und darauf kommt es an: Trotz mancher unglücklicher Erlebnisse muss dir das Leben am Ende geglückt sein.


Jochen Stern:
Die ewige Morgenröte: Tage des Erwachens
Burg Verlag
ISBN: 978-3-9443-7057-6
12 Euro

 

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