Berlin ist in vielerlei Hinsicht eine faszinierende Stadt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dort in der Vergangenheit zahlreiche bedeutende Schriftsteller gelebt und gearbeitet haben. Wer sich einmal auf die Spuren von E.T.A. Hoffman, Alfred Döblin oder Erich Kästner begeben möchte, kann das mit den Büchern des Berliner Kulturjounalisten und Literaturwissenschaftlers Michael Bienert. In ›Kästners Berlin‹ beschreibt Bienert detailliert und kenntnisreich, wo sich Emil und die Detektive verstecken, wo Pünktchen ihren Freund Anton besucht oder wo Fabian mit einer Angestellten aus dem Wedding ins Bett geht. Denn Kästner ließ sich bei der Wahl der Roman-Schauplätze von der Nachbarschaft seiner Wohnung und der Schreiborte in den Cafés inspirieren. In ›E.T.A. Hoffmanns Berlin‹ folgt der Leser der schillernden Persönlichkeit des Schriftstellers, Opernkomponisten und Juristen Hoffmann auf seinen Streifzügen durch die Stadt und in sein exzessives Nachtleben. Vor Kurzem erschien nun ›Döblins Berlin‹. Darin begleitet man den Chronisten Berlins, Alfred Döblin, der als Dichter, Arzt, Psychologe und Journalist das Stadtleben vier Jahrzehnte lang reflektiert, kommentiert und mitgestaltet hat. Alle drei Bücher enthalten zahlreiche historische Fotografien und Abbildungen historischer Postkarten, denen häufig Aufnahmen aus heutiger Zeit gegenübergestellt sind. Ergänzt werden die Texte und Bilder durch Stadtpläne, auf denen sich die Wohnorte des jeweiligen Schriftstellers und die Schauplätze seiner Werke genau nachvollziehen lassen.
Für seine Bücher kann Bienert auf seine jahrelange Erfahrung als Stadtführer zurückgreifen, denn seit 1990 veranstaltet er literarische Spaziergänge zu verschiedenen Themen und Autoren. »Die Bücher haben einen sehr langen Vorlauf. Zu Döblin mache ich seit über 20 Jahren, zu Kästner seit 1999 Führungen«, erzählt der Berlin-Profi. »Ich beschäftige mich also über einen sehr langen Zeitraum immer wieder mit dem Thema, auch mit der Frage: ›Was lohnt es sich zu zeigen, was nicht?‹« Von der Recherche bis zum fertigen Buch vergeht dann ungefähr ein Jahr. »Das Schreiben an sich geht relativ schnell, denn ich kenne ja schon die Richtung, in die es geht.« Wo er nach Informationen suchen muss, weiß Bienert inzwischen ebenfalls genau: »Einmal recherchiere ich natürlich in der Stadt selbst, und dann arbeite ich viel im Fachbereich Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek.« Daneben gehören Archive wie das Landesarchiv oder das Literaturarchiv in Marbach, wo die Nachlässe der Schriftsteller aufbewahrt werden, zu wichtigen Anlaufpunkten.
Was Bienert bei der Beschäftigung mit der Stadtgeschichte fasziniert, ist der Umstand, wie Berlin sich verändert. »Wenn man heute im Scheunenviertel, an Hackeschem Markt und Rosenthaler Platz unterwegs ist, findet man eine völlig andere Situation als noch vor 20 Jahren vor, als noch nichts saniert war, als es in manchen Straßen Kneipen gab, wo sich heute Filialen von Mode-Ketten befinden.« Dieser Wandel der Stadt, nicht nur im Vergleich zu der Zeit, als die Autoren gelebt haben, sondern auch in Bezug auf das, was sich in jüngerer Zeit getan hat, fließt direkt in seine Bücher ein. »Das ermöglicht mir, die Geschichte eines Berliner Autors, der schon lange tot ist, als eine sehr gegenwärtige Geschichte zu erzählen. Als Autor bewege ich mich durch das historische Berlin, gleichzeitig wird klar, dass man in der heutigen Stadt unterwegs ist.« Was Bienert persönlich bewegt und was er auch mit seinen Büchern vermitteln möchte, ist der Blick für die Lebendigkeit Berlins. »Es lohnt sich, mit offenen Augen durch Berlin zu gehen.«
Die Stadt kennt Bienert wie seine Westentasche. Darum weiß er, wie viel sich dort im Laufe der Zeit radikal verändert hat, allein in den letzten 25 Jahren. »Seit dem Ende der Teilung hat sich die Stadt an das Berlin eines Erich Kästner oder eines Alfred Döblin angenähert. Denn sie hat wieder eine vergleichbare Größe«, so Bienert. »Vieles ist wieder zusammengeflickt worden, vieles wurde wiederhergestellt, etwa S- und U-Bahn-Linien. Viele Siedlungen aus den 1920er-Jahren sind in den letzten Jahren saniert worden. Sie sehen heute wieder so aus, wie zu der Zeit, als sie gebaut wurden und wie auch Kästner oder Döblin sie wahrgenommen haben.« In seinen Führungen und Büchern möchte Bienert genau die Punkte, an denen sich die Entwicklung Berlins zeigen lässt, identifizieren und sinnvoll zu einer neuen Erzählung verknüpfen. Besonders spannend ist das bei einem Autor wie Döblin. »Er hat 40 Jahre lang Großstadtentwicklung in sich aufgenommen und immer wieder darüber geschrieben, darum gibt es viele Anknüpfungspunkte. Das sind dann nicht unbedingt die klassischen Sightseeing-Spots, sondern Mietskasernen, Hinterhöfe und Orte wie das Gericht in Moabit, das Gefängnis in Tegel oder die ehemalige Irrenanstalt, in der Franz Biberkopf am Ende von ›Berlin Alexanderplatz‹ landet.« Die ist heute immer noch ein Hochsicherheitstrakt, Döblin selbst hat dort seinerzeit als Arzt gearbeitet.
Auch die Art, wie sich Schauplatz und Literatur gegenseitig beeinflussen können, lässt sich an Döblins ›Berlin Alexanderplatz‹ ablesen. Das als ein Hauptwerk der deutschen Moderne geltende Werk konnte nach Ansicht Bienerts nur im damaligen Berlin entstehen. »Es gibt ganz konkrete Orte, an denen sich die Handlung abspielt. Auch zeitlich hat sich das, was dort zwischen 1927 und 1929 stattfindet, tatsächlich ereignet«, so der Literaturexperte. »Zudem spricht aus dem Roman nicht nur der Autor selbst, denn Döblin montierte Dinge hinein, sodass die Vielstimmigkeit der Stadt in das literarische Werk eingeht, und zwar relativ ungefiltert. Es ist der Dialekt da, die Zeitungssprache ist da. Sogar der Tod tritt auf und berlinert ganz kräftig. Insofern ist das ein Buch, in dem diese Epoche, das damalige Berlin stark aufgehoben sind.« Döblin sei zudem der einzige Autor gewesen, der ein solches Werk hätte schreiben können. »Er kam als Junge 1888 mit seiner Mutter aus Stettin in Berlin am Stettiner Bahnhof an. Zu der Zeit gab es noch kein elektrisches Licht, keine elektrische Straßenbahn. Döblin wächst also auf, während Berlin endgültig zur Vier-Millionen-Metropole wird.« Das unterscheide ihn auch von anderen wichtigen, modernen Autoren wie Brecht oder Kästner. Die kamen in die Stadt, als sie schon fertig war, in den 1920er-Jahren. Eine spannende Schlusspointe lieferte das Werk Döblins für Bienerts Buch obendrein: »In seinem versteckten Berlin-Roman schildert Döblin Berlin im 26. Jahrhundert, in ›Berge, Meere und Giganten‹. Am Ende meines Buches kann man also mit Döblin ins 26. Jahrhundert reisen.«

Termine zu Führungen und Lesungen unter www.text-der-stadt.de

 

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