Eine kleine, aber feine Ausstellung wird am 12. Dezember um 18 Uhr in der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam eröffnet. Mit ihr soll ein historischer Ort der Stadt ins Bewusstsein gerückt werden, dessen Bedeutung bislang kaum erforscht wurde und dessen Existenz wenig dokumentiert ist: das Polizeigefängnis in der ehemaligen Priesterstraße 11–13, der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße. Anlass, sich mit dem Polizeigefängnis zu befassen, ist eine Ausstellung des Potsdam Museums und des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf über den Berliner Maler Fritz Ascher. Der im Dritten Reich als »entarteter Künstler« eingestufte Ascher, der über lange Jahre versteckt leben musste, saß zweimal in der Priesterstraße ein. Ziel der in nur vier Monaten realisierten Werkstattausstellung über die Bau- und Nutzungsgeschichte des Polizeigefängnisses ist es, weitere Forschungen anzustoßen und Informationen, etwa in Form von Augenzeugenberichten Betroffener oder ehemaliger Mitarbeiter, zu sammeln. friedrich sprach mit Astrid Homann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Lindenstraße und Kuratorin der Ausstellung.

Foto: Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße

Frau Homann, wann wurde das Polizeigefängnis gebaut?
Das erste Gefängnis auf dem Gelände des Polizeipräsidiums wurde 1925 gebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde als Polizeigefängnis ein Ort genutzt, der in der Innenstadt von Potsdam gelegen haben muss, aber außerhalb des Polizeipräsidiums. Das war eine Art Alters- und Obdachlosenheim, wo unter anderem Prostituierte untergebracht und medizinisch untersucht wurden. Wo das genau war, kann ich nicht sagen. Dort muss es einzelne Räume gegeben haben, die als Polizeigefängnis dienten. 1925 erging dann der Beschluss, ein eigenes Polizeigefängnis in der Priesterstraße zu bauen. Die erste Erweiterung des Polizeigefängnisses erfolgte 1934, als zu den sieben vorhandenen Zellen weitere hinzukamen. Das Entscheidende an diesen Umbauten ist, dass sie schon unter der Gestapo geschahen, denn der Aufbau der Potsdamer Staatspolizeistelle begann im Mai 1933. 1936 begannen die Planungen für die Erweiterung und den Neubau des gesamten Polizeipräsidiums. In diesem Rahmen entstand der große Gefängniskomplex, den die Ausstellung beleuchtet. Baubeginn war 1937, Fertigstellung 1939. Im Januar 1939 dürften bereits die ersten Gefangenen dort untergebracht worden sein. Nach dem Umbau, bei dem wahrscheinlich der gesamte Gebäudekomplex entkernt worden ist, sodass nur die historische Fassade erhalten blieb, hatten dann Kripo, Schutzpolizei und Gestapo dort gemeinsame Diensträume. Außerdem erhielt das Gelände einen Schießstand, eine Exerzierhalle und Kasernen für die Kasernierte Polizei.

Wo liegt zeitlich der Schwerpunkte der Ausstellung?
Wir haben die Ausstellung in zwei Phasen aufgeteilt: die Zeit des Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit bis Anfang der 1950er-Jahre. Der Schwerpunkt liegt auf dem Nationalsozialismus. Natürlich geben wir noch einen Ausblick auf die Zeit danach, weil der Gefängnis- und Polizeikomplex weitergenutzt wurde. Darum betrachten wir noch die 1950er-Jahre. Für die Zeit der 60er-, 70er- und 80er-Jahre existieren zwar Unterlagen, aber die haben wir für die Ausstellung noch nicht ausgewertet. Es wäre spannend, dort weiter zu forschen und nach Zeitzeugen zu suchen.

Das Gebäude selbst wurde 2002 abgerissen. Was ist davon heute noch übrig?
Erhalten sind eine Tür und ein Holzmodell des Gebäudes aus den 80er-Jahren. Das sind auch unsere Hauptexponate. Beides wurde von Herrn Wittenberg vom Potsdam Museum und Herrn Hübner, der zu DDR-Zeiten im Polizeigefängnis einsaß und in dieser Zeit Haushandwerker war, vor dem Abriss in Eigeninitiative aus dem Gebäude gerettet.

Bis wann wurde das Gebäude letztlich als Gefängnis genutzt?
Das ist schwer zu sagen, wann die letzten Gefangenen woanders hin verlegt wurden.

Es heißt, dass noch in den 1990er-Jahren zwei Entführer durch eine Dachluke ausgebrochen seien …
Ja, es wird kolportiert, dass das auch der Auslöser war zu sagen, das Gebäude entspricht nicht mehr den Sicherheitsanforderungen an solche Anlagen. Der ganze Bau soll überhaupt sehr marode gewesen sein. Das belegen Inspektionsberichte aus den 50er-, 70er-, 80er- und zu Beginn der 90-Jahre. Der bauliche Zustand muss katastrophal gewesen sein. Welche Institutionen oder Ämter dann am Abriss beteiligt waren und ob der besonders dokumentiert worden ist, ließ sich nicht ermitteln. Weder beim Denkmalamt, Bauamt, Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, Justizministerium noch bei der Polizei selber wusste jemand etwas darüber. Ich fand es kurios, dass ein Gebäude mit einer so interessanten Geschichte buchstäblich spurlos verschwinden kann. Darum war es auch schwierig, Fotos für die Ausstellung ausfindig zu machen. Was wir haben, sind Fotos von einem Angehörigen, der auf den Spuren seines Vaters nach Potsdam reiste. Der konnte kurz vor dem Abriss noch ein Foto machen. Außerdem hat uns ein Polizist vom Polizeirevier Potsdam-Mitte geholfen, der uns Bilder vom Abriss zur Verfügung stellte.

Sie stellen in der Ausstellung acht Lebensläufe von seinerzeit Inhaftierten vor. Können Sie etwas über deren Biografien erzählen? Etwa über die von Fritz Ascher?
Ja, mit dessen Biografie beginnen wir die Ausstellung, denn Ascher war ja der Grund für die Recherchen zu diesem Haftort. Zum ersten Mal war Ascher am 10. November 1938, direkt nach dem Novemberpogrom, in der Priesterstraße inhaftiert. Er war dann etwa zwei Wochen dort, bevor er ins KZ Sachsenhausen deportiert wurde. Dort blieb er bis zum 23. Dezember 1938. Nach seiner Entlassung meldete er sich zunächst im Polizeipräsidium in Berlin am Alexanderplatz. Dort sagte man ihm, er möge sich bei der Gestapo in Potsdam ›abmelden‹. Dort wurde er aber gleich wieder inhaftiert, sodass er zum zweiten Mal in die Priesterstraße kam, wo er nun bis Mai 1939 einsaß. Dann wurde er wirklich entlassen, weil ein befreundeter Anwalt interveniert hatte. Man ließ ihn allerdings nur unter der Bedingung frei, dass er seine Ausreise organisiere. Er lebte dann versteckt in Berlin.

Wer war vor 1945 noch in der Priesterstraße inhaftiert?
Beispielsweise Angehörige der Widerstandsgruppe ›Gemeinschaft für Frieden und Aufbau‹. Ein Teil der Gruppe hat in der Priesterstraße gesessen und ein Teil hier in der Lindenstraße, im Gerichtsgefängnis. Darum stellt die Gruppe praktisch den Bogen zwischen Priester- und Lindenstraße her. Ihre Geschichte ist insofern besonders, als einige ihrer Mitglieder als Juden verfolgt worden sind. Sie waren untergetaucht und beteiligten sich anschließend an Widerstandsaktionen, bei denen sie dann aufgeflogen sind. Hildegard Bromberg wurde in Potsdam von der Gestapo verhaftet und kam in die Priesterstraße. Eugen Herrman-Friede wurde in Luckenwalde verhaftet, zusammen mit seinen Eltern. Er kam mit seiner Mutter dorthin. Seinen Vater brachte man ins Polizeigefängnis am Alex. Herman-Friede und seiner Mutter Anja Friede kamen nach dem Krieg, 1948, nochmal in die Priesterstraße. Sie wurden also unter zwei Regimen verfolgt. Ihnen wurde Wirtschaftsbetrug vorgeworfen, was aber nicht stimmte. Nach sechs Monaten wurden beide ohne Gerichtsverhandlung wieder entlassen.

Waren alle Inhaftierten verfolgte Juden?
Nein, Hansjoachim von Rohr und Hermann Pünder wurden im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet. Nach dem Attentat gab es eine große Verhaftungswelle, bei der viele, die als suspekt galten, festgenommen wurden – auch wenn sie nicht direkt etwas mit dem Attentat zu tun hatten. Und Lidia T. war eine ukrainische Zwangsarbeiterin. Sie wurde 1942 mit ihrer Schwester nach Deutschland verschleppt und musste in Brandenburg (Havel) arbeiten. Sie hatte Briefe an eine Freundin geschrieben, in denen sie sich über den Frontverlauf äußerte. Diese Briefe wurden überwacht, darum wurde Lidia T. für mehrere Wochen in die Priesterstraße gebracht, von wo sie ins Frauen-KZ Ravensbrück kam. Interessant sind alle diese Haftwege, weil sich an ihnen ablesen lässt, dass das Potsdamer Polizeigefängnis im Nationalsozialismus Teil eines Netzwerkes von Haftorten war. Die Inhaftierten wurden oftmals von Ort zu Ort geschoben. Die Priesterstraße war für viele Betroffene einer von mehreren Haftorten.

Wie haben Sie in der Kürze der Zeit alle diese menschlichen Schicksale ausfindig gemacht?
Das waren teilweise Zufallsfunde. In zwei Fällen wandten sich Angehörige, also Kinder von ehemals Inhaftierten, an die Gedenkstätte Lindenstraße, und fragten: ›Wo war mein Vater inhaftiert – hier oder woanders?‹ Wir fanden dann heraus, dass der Haftort die Priesterstraße gewesen sein muss, denn aus Berichten ging beispielsweise hervor, dass die Glocken der Garnisonkirche zu hören gewesen waren.

Bestand nach 1945 weiterhin eine Verbindung zwischen Priester- und Lindenstraße?
Ja. In der SBZ/DDR übergab man Häftlinge aus der Bauhofstraße, wie die Priesterstraße ab 1945 hieß, an den sowjetischen Geheimdienst, ans NKWD, in der Lindenstraße. So auch Werner Sperling. Er wurde dann vom Sowjetischen Militärtribunal in der Lindenstraße verurteilt und kam ins Lager nach Workuta. Sperling beschrieb später sehr gut die Lebensverhältnisse in der Bauhofstraße. Er hatte von einem Mitgefangenen so etwas wie einen Auftrag bekommen: ›Du bist der Jüngste, halte deine Augen auf und merk dir alles. Du musst später berichten.‹ Er hatte ein phänomenales Gedächtnis und hat vieles akribisch notiert. Später, als in der Lindenstraße die Untersuchungshaftanstalt der Stasi war, wurden die Häftlinge nach ihrer Verurteilung von dort über das Gefängnis Bauhofstraße in die Strafvollzugsgefängnisse gebracht.
 

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