Auf den folgenden Seiten hat friedrich einige berührende, besinnliche oder heitere Auszüge aus weihnachtlichen Geschichten zusammengestellt. Es handelt sich bei ihnen um Erinnerungen, die Zeitzeugen aus Berlin und Brandenburg selbst erlebt oder die sich im Familienkreis zugetragen haben. Wer wissen möchte, wie die einzelnen Geschichten ausgehen, findet die vollständigen Versionen in dem neuen Buch ›Unvergessene Weihnachten. Band 13‹, das im Zeitgut Verlag, Berlin, erschienen ist.

 

1924-36

Das Puppenhaus
Hildegard Bildt

Herr Müller, einer unserer Sommergäste, kam bereits seit vielen Jahren nach Hohenschöpping in unser Gasthaus ›Zum weißen Schwan‹. Mehrere Jahre hatte er sogar ständig bei uns gewohnt, auch im Winter. Es war zwar nur ein kleines Zimmer, aber damals war er froh gewesen, eine Bleibe zu haben. Denn er war, wie so viele nach der Weltwirtschaftskrise, mehrere Jahre arbeitslos. Darum konnte er auch die Miete nicht bezahlen, versicherte meiner Mutter jedoch: »Frau Stein, ich mach’ das alles wieder gut, wenn ich Arbeit habe.«
Für unsere Wirtschaft kaufte Mutti Apfelsinen nicht pfundweise im Geschäft, sondern bestellte sie kistenweise bei einer Übersee-Firma in Hamburg. Da kosteten sie nur die Hälfte, und frischer waren sie auch. Auch die Dominosteine für Weihnachten ließ sie sich gleich von der Fabrik in größeren Mengen liefern. Die leeren Holzkisten stapelten sich auf dem Hof. Eines Tages fragte Herr Müller, ob er die alten Apfelsinenkisten haben dürfe. Mutti dachte, er wolle sie zum Heizen.
»O nein«, sagte er, »die dünnen Bretter sind dazu viel zu schade. Ich möchte daraus etwas basteln.«
Er verriet aber nicht, was es werden sollte. Die Kisten durfte er nehmen, und nun saß er an den langen Winterabenden und sägte, hobelte, klebte. Ein Teil seiner dürftigen Arbeitslosenunterstützung ging für Klebstoff und Farbe drauf. Er arbeitete wie besessen. Bald war alles Kistenholz aufgebraucht, und er musste auf den nächsten Winter und Nachschub warten. Im Jahr darauf, kurz vor Weihnachten 1925, war es soweit: Mutti wurde gerufen. Auf dem Tisch in seiner Stube stand ein großes Gebilde, mit einem Tuch verdeckt. Herr Müller bot meiner Mutter den einzigen Stuhl an. Dann hob er, wie bei einer Denkmaleinweihung, vorsichtig das weiße Tuch hoch und beobachtete dabei gespannt Muttis Gesicht.
»Mein Gott, ist das schön! Das haben Sie ganz allein gemacht?«
Herr Müller nickte froh und stolz.
»Aus diesen alten Holzkisten?«
»Ja.«
»Unglaublich, Sie sind ein Künstler!«
»Na, na«, wehrte er ab, aber er freute sich sichtlich über das Lob. »Ihre Tochter ist jetzt noch zu klein, aber in ein paar Jahren kann sie damit spielen.«
Auf dem Tisch stand ein Puppenhaus, nein – eine Villa!
(…)
[Hohenschöpping bei Velten, Havelland, Brandenburg; 1924–1936]

 

1962

Winterfahrt im neuen Trabi
Monika und Karl Zeidler

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit fuhren wir nach Hause in die kleine Stadt Treuen im oberen Vogtland. Sie liegt zwischen Reichenbach und Auerbach. Die Fahrt mit der Bahn in meist überfüllten Zügen dauerte lange und war wegen des mehrfachen Umsteigens recht umständlich. Oft mußte man lange auf den nächsten Anschluss warten. Und doch stimmte sie auf die bevorstehenden Weihnachtstage ein, wenn die Winterlandschaft und der weiße Dampf der Lokomotive am Abteilfenster vorüberflogen und im Zugfunk Weihnachtslieder erklangen. Auch stand damals in jedem Wartesaal und auf den meisten Bahnhöfen ein mit elektrischen Kerzen beleuchteter Weihnachtsbaum.
Doch Weihnachten 1962 war alles anders. Wir arbeiteten damals in Potsdam und hatten gerade geheiratet. Kurz vor Weihnachten erhielten wir die überraschende Mitteilung, dass wir nach langer Wartezeit unser erstes Auto, einen Trabant 500, abholen könnten. Natürlich wollten wir diesmal mit dem Auto ins Vogtland fahren!
An Probleme, die sich durch eine Winterfahrt in die Berge ergeben könnten, dachten wir als unerfahrene Neubesitzer eines Autos nicht, zumal der Dezember bisher recht mild und die Straßen schneefrei waren. Für größere Vorbereitungen war ohnehin keine Zeit. Lediglich für die Skier hatten wir eine Halterung erworben. Sie bestand aus zwei Gummigurten, die quer auf dem Autodeck befestigt wurden. Mit kleinen Lederriemen wurde darauf jeder Schneeschuh einzeln angeschnallt.
Wenige Tage vor Weihnachten schlug das Wetter um. Ein Kälteeinbruch ließ die Temperaturen auf Rekordtiefen sinken. Nach sternenklarer Nacht zeigte das Thermometer unter minus zwanzig Grad, als wir zwei Tage vor Heiligabend zu unserer Vogtlandfahrt ins eiskalte Auto stiegen. Zirka 300 Kilometer lagen vor uns. Nach mehrmaligen Startversuchen sprang der Motor an und gab nur ganz allmählich etwas Wärme ab, die gerade zum Abtauen der Frontscheibe ausreichte. Alle anderen Fenster waren bald mit einer immer dicker werdenden Eiskruste bedeckt. Nach Erreichen der Autobahn konnten wir dann aber zügiger und schneller fahren. Mit fast 80 Stundenkilometern hatte der Trabant mit seinem kleinen luftgekühlten Zweitaktmotor nahezu die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Die Skier klapperten im Fahrtwind aufs Wagendach, das Gebläse surrte und drückte mehr Wärme ins Auto. So waren wir guter Dinge, sangen Weihnachtslieder und freuten uns auf die kommenden Feiertage und auf Skitouren im Vogtlandwald.
Unterdessen hatte sich der Himmel mit einem dünnen grauen Schleier bezogen, und die Sonne stand als fahlgelbe Scheibe dicht über den Baumwipfeln. Im Hochfläming lag etwas Schnee, und auch die Autobahn hatte eine festgefahrene Schneedecke, war aber so gut mit Splitt abgestumpft, dass sie unsere zügige Fahrt nicht beeinträchtigte. Viel schneller waren jedoch die West­wagen auf dieser Transitstrecke von Westberlin nach Bayern, die beim Überholen Splittsteinchen vom Streugut auf die Frontscheibe schleuderten, was uns ein wenig beunruhigte.
(…)
[Potsdam–Treuen, Vogtland, damals DDR, Dezember 1962]

 

1967

Ein Heiligabend als Geschenk
Dieter Nickel

Es muss etwa 1967 gewesen sein, als ich unserem ältlichen Pfarrer den Vorschlag machte, unsere Christmette nicht wie bisher um Mitternacht, sondern bereits gegen 18 Uhr zu feiern. Mein Argument war in mehrerer Hinsicht überzeugend: Alle bedeutsamen Feiern beginnen mit einem Gottesdienst in der Kirche. Danach wird die Feier zu Hause fortgesetzt. So können auch unsere Kinder die Geburtstagsfeier des Christkindes miterleben, und Alkoholfahnen werden nicht in die Kirche gebracht. Der Vorschlag gefiel Hochwürden, denn er war sicher froh, wegen der Messe am Morgen des ersten Feiertages früher ins Bett zu kommen. Und so geschah es, dass wir erstmals unsere drei damals elf-, neun- und siebenjährigen Kinder Birgit, Judith und Thomas am Heiligen Abend bei der Christmette in unserer schönen weihnachtlich geschmückten Kirche zur »Heiligen Familie« bei uns hatten. Der Nachteil war, dass die Zeit bis zur Bescherung länger wurde.
Nachdem die Weihnachtslieder gesungen und die Orgelklänge verklungen waren, machten wir uns eilig auf den Heimweg. In der Dunkelheit erkannten wir den alten Herrn Vollmann vor uns. Er hatte anfangs den gleichen Weg wie wir, schien aber auf uns gewartet zu haben. Er war ein »echter« Berliner aus dem Stadtteil Wedding und nun alleinstehend. Von ihm kannte ich unter anderem den Ausspruch »Uff de driemsche Seite steht een kaputtijet Auto mit een appet Rad«. Trotz seines harten Schicksals – seine beiden Söhne waren aus dem Zweiten Weltkrieg nicht heimgekehrt, sondern vermisst, und seine Frau war verstorben – hatte er seinen Humor behalten. Er war es, der dafür sorgte, dass ich im Oktober 1945 meine durch das Kriegsende unterbrochene Lehre als Industriekaufmann fortsetzen konnte.
Doch zurück zum Heimweg von der Christmette. Meine Frau und ich hatten sofort den gleichen Gedanken: Wir lassen Herrn Vollmann heute nicht allein sein. Wir nehmen ihn mit zu uns nach Hause. Zum Glück konnte man die enttäuschten Gesichter unserer Kinder in der Dunkelheit nicht sehen. Für sie schien der erwartete schöne Weihnachtsabend mit der ersehnten Bescherung so gut wie verdorben. Doch es kam anders, ganz anders.
(…)
[Rüdersdorf bei Berlin, Brandenburg, 1967]

 

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