Beeindruckende Kunst begegnet einem manchmal an ganz unerwartetem Ort. Regelrecht spannend wird der Kunstgenuss, wenn ein Teil des betreffenden Werkes verdeckt ist. Diese Situation können Gäste einer Potsdamer Kantine erleben, in der sich ein großformatiges Wandbild befindet. Die Kantine in einem Potsdamer Behördenzentrum ist für jeden öffentlich zugänglich.
Von der Eingangshalle des Gebäudes führt eine Treppe nach oben in die eigentliche Kantine. Schon beim Besteigen der Stufen fällt dem Besucher ein stilistisch leicht anmutendes, in Gelb und Grün gehaltenes Wandbild in den Blick. Es zeigt einen Kreis, in dem drei Kinder ausgelassen spielen. Eine weibliche, weißgekleidete Polizistin hält einen Arm schützend über die Kinder. Die Hand des anderen Armes hält einen Polizeistab. Folgt man dem Verlauf der Treppe, erwartet einen zur Rechten der zweite Teil des Wandgemäldes. Auch dort dominieren freundliche Naturfarben. Darauf hebt ein Feuerwehrmann warnend seine Hand über einem Feuer zu seinen Füßen. Dann verbirgt ein großes, schweres Tuch die Mitte des Bildes.
Nun fragt sich der Betrachter womöglich: Warum ist das Wandbild abgedeckt? Was davon soll nicht gesehen werden? Tatsächlich befindet sich hinter dem Vorhang das DDR-Emblem. Es ist allerdings abstrakt gehalten und verbindet sich organisch mit einem Baum. Der Signatur ist zu entnehmen, dass das Bild von dem DDR-Künstler Kurt-Hermann Kühn stammt. Das angegebene Datum weist auf den Tag der Republik am 7. Oktober 1987 hin. Kühn war lange Zeit Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler im Bezirk Potsdam. Ältere Potsdamer werden sich noch an Kühns ›Erben des Spartacus‹ in der alten Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek erinnern. Die befinden sich nach ihrer Restaurierung wieder in den Räumlichkeiten der Stadt- und Landesbibliothek.
Das Wandbild in der Kantine zählt sicher zu den weniger präsenten Arbeiten Kühns. In seinem Nachlass fanden sich dazu bisher auch keine weiteren Hinweise, wie Andreas Kühn, ein Sohn Kurt-Hermann Kühns, erklärt. Er vermutet jedoch, dass das Bild ein Auftragswerk für die damalige Potsdamer Volkspolizei ist. »Solche Auftragswerke wurden meines Wissens nach vom Kulturfonds der DDR im Rahmen der staatlichen Kunstförderung und nach der gültigen Honorarordnung vergeben und finanziert«, sagt Andreas Kühn. Die Auftragsvergabe sei über eine Jury erfolgt, und der Auftraggeber, der zukünftige Besitzer, habe das Sujet vorgegeben. »Von der Konzeption über den Entwurf bis hin zur Fertigstellung arbeiteten Künstler und Auftraggeber eng zusammen. Und wie immer galt: Wer bezahlt, bestimmt die Musik!« Bei dem Wandbild dürfte es sich um ein Fresko handeln, das heißt, dass Kühn eine alte Handwerkstechnik verwendete, bei der in den noch feuchten Putz hineingemalt wird, bevor dieser abbindet. »Es muss also schnell gehen, jeder Strich muss sitzen. Eine spätere Korrektur ist nicht möglich«, so Andreas Kühn. »Mein Vater hat sich über viele Jahre diese Technik angeeignet und bei einigen seiner Wandbilder realisiert.«
Dass das DDR-Emblem auf dem Bild heute zugedeckt ist, kann der Kunsthistoriker und Freund Kurt-Hermann Kühns Peter Michel nicht nachvollziehen. »Es ist so verfremdet, dass es kaum noch als solches zu erkennen ist. Es ist kleinlich-ängstliches Denken, wenn das der Grund sein sollte, es zu verdecken. Das ist nun mal ein Stück Geschichte, ganz gleich, wie man heute darüber denkt.« Mit dem Verbergen des Bildes unter einem Vorhang setzten die Verantwortlichen etwas fort, das in der Vergangenheit schon öfter geschah. »Im UNO-Hauptgebäude in New York City wurde eine Kopie des ›Guernica‹-Bildes von Pablo Picasso verdeckt, als der damalige US-Präsident George W. Bush die Weltorganisation besuchte. Man hatte Bedenken, dass es ihm mit seiner Friedensbotschaft missfallen könnte.« Zu DDR-Zeiten habe laut Michel die Direktorin der Parteihochschule in Berlin ein Wandbild von Willi Sitte verdecken lassen, weil angeblich zu viele nackte Menschen darauf zu sehen gewesen wären. »Sie machte sich Sorgen um die Moral der Studenten, vor allem die der arabischen. Nach Protesten aus dem Künstlerverband ließ sie den Vorhang wieder aufziehen, um ihn später wieder zu schließen. Das war ein erheiterndes Spielchen. Heute befindet sich das Bild im Kunstarchiv Beeskow.«
Kurt-Hermann Kühn starb im Oktober 1989 an einem Krebsleiden. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof an der Heinrich-Mann-Allee. Von Kühns Werken ist manches verschwunden, bis auf ein kleines »gerettetes« Stück etwa ein mehrteiliges Fresko des Künstlers zu Kurt Tucholsky in Rheinsberg. Nach wie vor erhalten sind Freskos in den Ruppiner Kliniken in Neuruppin sowie drei Mosaikwände im Liebknecht-Forum im Neuen Lustgarten in Potsdam. Das Wandbild in der Potsdamer Kantine sei ein »typischer Kühn«, so Michel. »Es gehört zu seinen guten Werken und ist in ordentlichem Zustand.«

 

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