Vor Kurzem eröffnete der Hamburger Fotograf Anatol Kotte sein Fotostudio Capitis im Herzen Berlins. In den vergangenen dreißig Jahren hat er sich international einen Namen gemacht, weil er es stets schaffte, Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness auf seinen Porträts eine eigene Note zu verleihen. »Ein Porträt ist immer auch eine Enthauptung«, sagt Kotte und begründet so seinen unverkennbaren Stil, nämlich »die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten.« Sein Studio Capitis, Lateinisch für »des Kopfes« oder »des Hauptes«, soll als Verbindung zwischen Persönlichkeit und Kunst fungieren. Auf 300 Quadratmetern über drei Ebenen vereinen sich zwei Studios, ein Arbeitsplatz und ein Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen. friedrich hat dem Fotografen entlockt, wie seine Familie in den Job eingebunden wird, dass Angela Merkel beim Shooting für ihr Porträt nicht gut drauf war, er von Rihanna eine Rückenmassage bekam und wen er keinenfalls ablichten würde.

Angela Merkel, Berlin, 2012

Anatol, mit der Eröffnung deines Studios Capitis hast du Hamburg ein bisschen den Rücken zugewandt und bist dafür in der Hauptstadt noch präsenter.
Im Moment bin ich die ganze Woche in Berlin und versuche am Wochenende in Hamburg bei meiner Familie zu sein. Ich habe vier Töchter, meine älteste ist gerade Mutter geworden. Darum liegt es mir sehr am Herzen, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen.

Du hast in Berlin eine Wohnung, weil du schon vorher viel in der Hauptstadt gearbeitet hast.
Genau, das war der Grund, warum ich hier auch mein Studio eröffnet habe. Denn die Arbeit in Berlin häuft sich, während es in Hamburg leider tendenziell weniger wird. Auch die Filmpremieren und großen Veranstaltungen beispielsweise nehmen in Berlin immer mehr zu. Da ist es gut und wichtig vor Ort zu sein.

Sind deine Porträts immer Auftragsarbeiten?
Ja, zum einen fragen mich Leute aus Wirtschaft und Politik direkt, weil sie gute Porträts brauchen. Zum anderen arbeite ich regelmäßig für Zeitungen wie die ›Zeit‹ oder Magazine wie ›Stern‹. Hier fotografiere ich Titelgeschichten und -themen. Aber auch für Modestrecken wie zum Beispiel von der ›Brigitte‹ bekomme ich regelmäßige Aufträge.

Die Personen, die du fotografierst, sind in der Regel prominent. Du hattest schon viele Stars vor der Kamera, etwa Schauspieler oder Sänger, aber auch Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben. Für Kampagnen mit unter anderem Sienna Miller, Ewan McGregor oder Rihanna bist du auch international unterwegs. Kommen die Stars direkt auf dich zu und wollen Anatol, der sie in Szene setzt?
Oft werde ich, wie bei Rihanna, für Werbeaufnahmen angefragt. Die Werbe-Firmen haben viel Geld und können es sich leisten, mich einzufliegen. Redaktionell kommen die Prominenten immer hierher ins Studio. Berlin ist auch eine Drehscheibe. Hier passiert wahnsinnig viel. Deswegen ist es sehr sinnvoll, dass ich mein Studio hier habe. Hotels und Ministerien sind alle schnell zu Fuß zu erreichen.

Gibt es jemanden, von dem du ablehnen würdest, Fotos zu machen. Aktuell sorgt ja die AfD nach ihrer erfolgreichen Wahl bei vielen für Unbehagen. Würdest du Porträts von AfD-Politikern shooten, wenn sie dich bitten?
Das würde ich nicht machen, vor allem in diesem Kontext nicht, denen eine Bühne zu geben und dafür meine Kunst zur Verfügung zu stellen. Aber ich mache generell keine Polit-Porträts für Parteien. Ich stehe eher außerhalb, als Beobachter. Mich interessiert immer mehr der Mensch dahinter. Ich könnte mir aber schon vorstellen, Leute, die ultrarechts sind, zu porträtieren. Bloß dann müsste der Kontext stimmen. Das wäre dann eher projektwissenschaftlicher Natur. (lacht)

Aber Thilo Sarrazin hattest du ja auch vor der Linse. Der Mann ist ja ziemlich kontrovers!
Wenn man einen zweiten Blick wirft, sieht man dem Foto aber auch an, wie meine Meinung zu dem Thema ist. (lacht) Ich bin nicht bekannt dafür, dass ich Leute in die ›Pfanne haue‹, aber ich habe natürlich eine persönliche Meinung, die mit einfließt. Solange es demokratisch abläuft, ist es ja in Ordnung. Die Meinung des anderen muss man respektieren. Ich finde es wichtig, dass polarisiert wird. Gerade die Porträts für die ›Zeit‹ setzen sich schon im Interview mit den Leuten auseinander. Und ich liefere eben das Bild dazu. Das ist legitim. Ich gehe immer nur soweit, dass ich es vor mir selbst vertreten kann. Auch mit den Leuten von der AfD. Wenn sie im richtigen Kontext stehen, würde ich die auch porträtieren. Aber ich garantiere für nichts. (lacht)

Seit wann fotografierst du schon? Seit deiner Kindheit?
Ja, mein erstes Labor habe ich mir mit 14 gebaut, und seitdem fotografiere ich eigentlich jeden Tag. Mit 17 habe ich angefangen zu assistieren, was ich dann sieben Jahre lang getan habe. Das erste Jahr habe ich fest für ein Fotostudio gearbeitet, wo ich viel Technisches gelernt habe. Anschließend habe ich sechs Jahre lang frei als Assistent für unzählige internationale Fotografen gearbeitet. Mit 24 habe ich mich dann selbstständig gemacht.

Das heißt, du hast nie etwas anderes gemacht als fotografieren?
Nein, darum kann ich auch gar nichts anderes. (lacht)

Anatol Kotte, Hamburg, 2017

Und das sieht man den Fotos an, sie haben eine ganz eigene Handschrift. Du wirst selbst oft fotografiert von der Presse. Wie gehst du damit um, wenn du selbst vor der Kamera stehst?
Dazu muss ich sagen, dass ich zu meiner Assistentenzeit früher auch gemodelt habe. Von daher habe ich bis zu einem gewissen Punkt in meiner Entwicklung auch kein Problem damit gehabt. Jetzt geht es auch wieder, inzwischen bin ich es gewohnt, dass ich mal Auftritte im Fernsehen habe. Aber zwischenzeitlich war es mir unangenehm.

Auch aus fachlicher Sicht ist es bestimmt so, dass du demjenigen Fotografen auf die Finger schaust – wie er arbeitet und das Foto umsetzt.
Natürlich achte ich darauf auch und bemerke es sofort, wenn jemand etwas falsch macht. Und ich merke, dass Fotografen generell oft unsicher sind, wenn sie einen Porträtfotografen in Szene setzen. Ich versuche dann immer, den Druck herauszunehmen, und äußere mich natürlich nicht. (lacht) Das ist selbstverständlich.

Hast du das Fotografen-Gen an deine Kinder weitervererbt?
Nein, gar nicht. Eine meiner Töchter studiert Tiermedizin, die andere arbeitet in der Filmproduktion, die Kleineren gehen noch zur Schule und machen wie alle Kids oft Selfies mit dem Handy.

Was hältst du als Profi von Selfies?
Ach, ich habe das auch schon immer gemacht. Bevor das Selfie hieß, haben wir natürlich auch immer Spaßbilder mit der Polaroid-Kamera gemacht. Davon habe ich ganze Kisten voll, und es sind schöne Erinnerungen. Ich habe, als im Profibereich noch Polaroid benutzt wurde, jeden Job, jedes Polaroid eingebunden in Kladden. Ich habe unendlich viele Bücher davon. Da war auch immer ein Making of von den Produktionen dabei. Die Leute, die ich fotografiert habe, haben mir immer etwas reingeschrieben oder -gezeichnet. Ich habe das früher gemacht, um zu dokumentieren, wenn mir bestimmte Lichtaufbauten gefallen haben, sodass ich sie später noch einmal verwenden konnte. Außerdem habe ich notiert, welche Brennweiten, welches Filmmaterial und wie viele Filme ich benutzt habe, um es später nachvollziehen zu können.

Gibt es in deiner Karriere irgend etwas, was dich sehr beeindruckt hat. Zum Beispiel hast du unsere Bundeskanzlerin porträtiert. Das Foto von ihr ist auch richtig gut geworden.
Das war wirklich sehr beeindruckend. Es war nicht ihr bester Tag, aber letztendlich ist etwas Gutes herausgekommen – ein TIME-Magazine-Cover. Das ist sicherlich eine bleibende Erinnerung.

Da fällt mir ein: Rihanna bist du ebenfalls sehr nahe gekommen.
Ich habe für eine Werbekampagne geshootet und es hat wirklich Spaß gemacht. Es war ein professionelles Arbeiten. Lustigerweise hat sie mich am Set sogar massiert. Aber es sind gar nicht immer so die Prominenten. Man trifft einfach auf Menschen. Ich habe neulich eine Geschichte über Schönheit gemacht. Dafür habe ich mir für einen ganzen Tag im Frauenhaus ein Studio aufgebaut und die Frauen porträtiert. Solche Begegnungen sind zum Teil intensiver, weil du an Menschen gerätst, die eine ganz andere Geschichte haben. Die machen meinen Job interessant. Im Showbusiness ist es letztlich ein Geben und Nehmen und immer wieder derselbe Ablauf. Ob jemand nun international bekannt ist oder nicht, am Ende kochen alle mit Wasser. Je amerikanischer es ist, desto größer ist alles. Bei Rihanna springen 30 Leute herum und bei Til Schweiger nur 15. Und diese Serie für die ›Zeit‹ im Frauenhaus ist eine schöne persönliche Geschichte gewesen. Da gab es viel Redebedarf. Ich hatte meine 15-jährige Tochter dabei und wir haben viel geredet. Vorher war sie mit beim Schweiger-Shooting dabei, und als Kontrast dann mit im Frauenhaus. Aber genau das ist es eben, was meinen Job ausmacht. Davon nehmen auch meine Kinder viel mit..

CAPITIS Studios
Kronenstraße 71
10117 Berlin
www.capitis-studios.de

 

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