Reste des Hauses Nummer 94 in der Gutenbergstraße im Jahr 1992.

Es ist eine Zeitreise der anderen Art in die brandenburgische Landeshauptstadt, durch die uns Siegfried Lieberenz und Rainer Lambrecht führen. Und sie hat ihren Startpunkt natürlich dort, wo das Herz des alten Potsdams am 14. April 1945 zu schlagen aufhörte, das sich aber nunmehr in einem Zustand der künstlichen Wiederbelebung befindet: am Stadtschloss, dessen kriegsbedingte Ruine 1960 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Von dort geht es vorbei am zwei Jahre zuvor abgetragenen Plögerschen Gasthof – wo immerhin Goethe einst logierte – Richtung Heilig-Geist-Kirche. Auf dem Weg dorthin entlang der Alten Fahrt passieren wir den Blücherplatz mit seinen damals noch ansehnlichen barocken Häuserreihen. Den 1974 gesprengten Turmstumpf schon vor Augen heißt es jedoch zweimal scharf Backbord, bis wir in nördlicher Richtung ein Stadttor samt vier Attikafiguren erblicken. Mehrfach umgebaut aufgrund verkehrstechnischer Prämissen sind die Tage des Berliner Tores seit 1952 dann endgültig gezählt. Nur 14 Jahre länger überlebte die für das Vergnügen der Einwohner von Friedrich Wilhelm II. in Auftrag gegebene »Kanaloper«, von der wir im Augenwinkel kurz Notiz nehmen, bevor durch die Elisabethstraße (auch bekannt als Tuchmacherstraße, Wilhelm-Pieck-Straße oder Charlottenstraße) hindurch das Kleine holländische Viertel nahe der Französischen Kirche angesteuert wird. Dessen Platz nahm 1988 ein Hubschrauberlandeplatz ein.

Die Häuser des Blücherplatzes vor dem Abriss (rechts), links die Neubaublocks.

Unser Weg führt schließlich westwärts, um an der zweiten Kreuzung kurz innezuhalten: Lieber nach links abbiegen zum Säulenhaus am Platz der Einheit? Da aber in dem 1958 beseitigten Gebäude wohl kein Kino »Colosseum« mehr eröffnen wird, geht es doch rechts herum zur Milchbar in die Friedrich-Ebert-Straße Nr. 19 (auch hier wurde nicht sehr lange Milch serviert). Gut gestärkt durchqueren wir anschließend die Gutenbergstraße. In Gedanken versunken beim Anblick der vielen Häuser, die die 1970er- und 1980er-Jahre nicht überstehen werden, macht sich die ausgiebige Mittagspause bemerkbar. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das neobarocke Toilettenhäuschen unweit des Brandenburger Tores. Ebenso vom Glück verfolgt sind wir bei der Suche nach Benzin: die Tankstelle an den Luisengaragen liegt ja quasi gleich um die Ecke. Das ist gut so, denn es gibt noch viel Unbekanntes und Vergessenes zu sehen. Aufnahmen, die kein Hochglanzformat besitzen oder künstlerisch arrangiert sind, sondern von ihrer Authentizität leben – mitunter sogar während des Abrisses erstellt. Aufnahmen, bei denen man immer wieder denkt: Was es (nicht) alles gibt. [Marc Banditt]

Siegrfried Lieberenz/Rainer Lambrecht: Bevor der Abrissbagger kommt. Eine Fotodokumentation zu Gebäuden, die in Potsdam zwischen 1950 und 2000 abgerissen wurden, Knotenpunkt Verlag, Potsdam 2017

 

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