Wie mit den vielen hierzulande ankommenden Flüchtlingen umgegangen werden soll, löst seit längerer Zeit in allen Medien kontroverse Diskussionen aus. Regelmäßig erschüttern Bilder von führerlosen heruntergekommenen Schiffen und hilflos auf dem Meer treibenden Menschen die Fernsehzuschauer. Sicher gibt es da den einen oder anderen, der von diesem Thema inzwischen genug hat. Ein Film, den zu sehen sich trotz allem lohnt, kam Ende letzten Jahres in die Kinos und erscheint am 16. Februar auf DVD: ›Life On The Border‹. Er besteht aus siebem Kurzfilmen, die von Kindern aus den Flüchtlingslagern in Kobanê und Sindschar gedreht wurden. Sie berichten darin über ihren Alltag, ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Etwa der 13-jährige Diar aus Kobanê. Sein Haus wurde in Brand gesteckt, während er sich mit seiner Familie noch darin befand. Seine Eltern sind daher von Kopf bis Fuß schwer verletzt und eingegipst, während Diar im Vergleich dazu nur leicht verletzt wurde. Und die junge Jesidin Besameh aus Sindschar entkam einem Angriff der Terrormilitz IS, verlor auf der Flucht jedoch einen Arm bei der Explosion einer Landmine. Ihre Geschichten erzählen diese und die anderen Kinder mal in ungeschönt dokumentarischen, mal in poesievollen Bildern.
Die berührenden Kurzfilme sind unter der Anleitung des kurdischen Regisseurs Bahman Ghobadi entstanden. Er drehte zahlreiche preisgekrönte Dokumentationen, unter anderem ›Perserkatzen kennt doch keiner‹, der Einblick in die geheime Rockszene des Irans gewährt. Der 1968 geborene Ghobadi lebt heute im Exil. friedrich sprach anlässlich der DVD-Veröffentlichung mit ihm über die Entstehung von ›Life on the Border‹.

›Life On The Border‹, behind the scenes, März 2016

Herr Ghobadi, wie kam es zu dem Filmprojekt ›Life On The Border‹? Wie ist die Idee dazu entstanden?
Ich lebte lange Zeit in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Ich ging regelmäßig in diese Flüchtlingslager, um zu helfen, zu fotografieren oder zu filmen. Ich sah immer wieder, dass vor allem eine Sache in den Lagern überhaupt keine Rolle spielte: die Erziehung der Kinder dort. Ich empfand das als eine echte Katastrophe. Die Kinder erhalten keine Bildung und dadurch wird auch ihr späteres Leben zerstört. Und das könnte in der Zukunft einen weiteren Krieg verursachen. Also habe ich darüber nachgedacht, wie ich ihnen helfen kann. Ich versuchte es bei der Regierung von Kurdistan, aber die war vollauf damit beschäftigt, die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu abzudecken. Außerdem wandte ich mich an verschiedene NGOs und andere Institutionen – immer ohne Erfolg. Da beschloss ich, aus eigener Tasche irgendwas auf die Beine zu stellen. Ich habe ein Magazin für Kinder gegründet. Gleichzeitig versuchte ich, Kinderlieder zu sammeln, sie in kurdischer Sprache abzumischen und online oder auf CD kostenlos für die Kinder zu verteilen. Und am Ende habe ich mich entschieden, Kameras für diejenigen Kinder zu kaufen, die sich fürs Kino interessieren. Ich brachte ihnen bei, wie man sie bedient, damit sie dann alles um sich herum aufnehmen können, was sie sehen, und vielleicht selbst Journalist werden. So entstand die Idee.

Wie haben Sie die sieben jungen Regisseure für ›Life On The Border‹ ›gecastet‹?
Ich suchte mir Helfer als Berater zwischen den jungen Regisseuren und dem Regieassistenten, hauptsächlich aus dem Iran. Ich nahm sie mit zu den Lagern. Sie wählten dann Kinder aus, die Interesse an dem Projekt hatten, und begannen, ihnen die Grundkenntnisse für das Filmemachen beizubringen. Danach wählten wir aus deren ›Studenten‹ die besten aus und gaben ihnen die Möglichkeit, ihre Filme zu drehen. Aus den so entstandenen Filmen wählten wir am Ende sieben Filme aus. Diese Berater begleiteten die jungen Regisseure bei jedem Schritt und halfen ihnen, ihren Film zu drehen.

War es schwierig, junge Leute für das Projekt zu finden, oder mussten Sie aus einer großen Anzahl von Interessenten wählen?
Es war überhaupt nicht schwer, fähige Kinder zu finden, weil die Camps voller talentierter und intelligenter Kinder waren, die große Lust hatten, an dem Projekt teilzunehmen. Ich habe einige von ihnen ausgewählt, aber hauptsächlich wurden die Kinder von dem Berater ausgewählt, den ich aus dem Iran mitgebracht hatte. Wir wollten in allen Lagern nach Interessenten suchen. Jeder von uns nahm sich ein Lager vor, um dort die Kinder zu ›casten‹.

Die Teenager arbeiteten unter Ihrer Leitung. Wie hat das funktioniert? Standen Ihnen im Camp ›Übungsräume‹ zu Verfügung? War es schwierig, das Filmprojekt auf den Alltag der Kinder abzustimmen?
Wir hatten ein großes Zelt, das wir als Klassenzimmer benutzten. Meistens musste ich nach Erbil zurück, aber die Berater blieben mit den Kindern in ihrem jeweiligen Lager. Eigentlich war es nicht sehr schwer, das Filmprojekt auf den Alltag der Kinder abzustimmen, denn die Kinder waren wirklich offen und talentiert und sehr begierig darauf, bei diesem Projekt mitzumachen. Sie halfen sehr dabei, das Ganze zu entwickeln.

Wie sind Sie beim eigentlichen Shooting vorgegangen? Wurden die Kurzfilme nacheinander oder parallel gedreht? Haben die Kinder an den Filmen der anderen mitgearbeitet?
Die Idee, aus den ausgewählten Kurzfilmen einen Spielfilm zu machen, entstand nach der Produktion der Kurzfilme. Nachdem ich diese gesehen hatte, kam ich auf die Idee, ein Feature aus ihnen zu machen. Generell konnten wir uns gut in die Lebenslage der Kinder einfühlen. Es fiel uns leicht, sie zu verstehen und ihre Situation nachzuvollziehen, denn wir lebten mit ihnen zusammen, aßen das gleiche Essen und taten dieselben Dinge. Und ja, die Kinder haben sich oft gegenseitig geholfen und lernten zusammenzuarbeiten. Es war dann so, dass einer filmte, der andere sich um den Ton kümmerte und wieder andere die Schauspieler oder Statisten waren. Es hat riesigen Spaß gemacht, das mitzuerleben. Ich habe bis dahin nie eine so enge Zusammenarbeit zwischen Kindern gesehen.

Wie war die Arbeit mit den jungen Regisseuren? Waren sie von Anfang an begeistert von dem Projekt oder mussten sie in ihrem schweren Alltag irgendwie animiert werden?
Die jungen Direktoren selbst waren leicht zu ›führen‹, aber es gab einige andere Schwierigkeiten. Unser Hauptproblem war die Sprache, weil jeder aus einem anderen Teil von Kurdistan kam, aus dem Iran, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei. Darum war auch unser jeweiliges Kurdisch anders. Aber irgendwie haben wir das hinbekommen, sodass alles sehr gut lief. Die Kinder waren mit sehr viel Leidenschaft bei der Sache, und viele Kinder wollten an dem Projekt teilnehmen. Aber unsere finanzielen und materiellen Möglichkeiten waren leider begrenzt, darum mussten wir unter ihnen einige auswählen. Und wie gesagt, es gibt kaum Bildungschancen in den Camps. Selbst jetzt haben die Kinder keine Bücher oder Zeitschriften zum Lesen.

Wie sind die Geschichten der einzelnen Filme entstanden? Hatte jedes Kind eine Grundidee für seinen Film oder wurde das Konzept gemeinsam entwickelt?
Ich habe die Kinder gebeten, ihre eigenen Geschichten mitzubringen, damit sie lernen, dass das Kino eine Möglichkeit ist zu erzählen, was sie in ihrem Kopf haben. 95 Prozent der Geschichten und Ideen stammen von den Kindern selbst oder sind Geschichten und Erinnerungen, die sie aus ihren Familien mitgenommen haben. Ich habe dann einfach versucht, die Stories mit ihnen zusammen weiterzuentwickeln.

Es gibt eine sehr bewegende Szene direkt im ersten Film, wo der Junge einen Kampfjet mit einem Becher in einer Pfütze fängt. Wie ist die Idee zu dieser Szene entstanden?
Diese Szene, wie ein Kampfjet im Wasser gefangen wird, ist eine meiner Lieblingsszenen. In den Klassen erzählte eines der Kinder den anderen die Geschichte, dass es immer Steine durch die Schatten der Kampfjets im Wasser wirft. Das Kind war sehr wütend auf diese Jets und auf den Krieg selbst. Auf diese Art versuchte es, sich selbst zu beruhigen.

Was haben Sie von dem Projekt mitgenommen? Wie hat Sie das Machen von ›Life on the Border‹ geprägt?
Ich habe viel gelernt. Ich habe gelernt, mein Leben zu schätzen, auch wenn ich selbst nicht jedes Jahr einen Film drehe. Als Regisseur kann ich davon profitieren, mit diesen Kindern Zeit zu verbringen. Ich kann versuchen, ihnen beizubringen, wie man Filme macht, und das Leben zu genießen. Mein großer Wunsch ist es, zu diesen Lagern zurückzukehren, diesmal die Hände voller Ausrüstung und mit staatlicher Unterstützung, um diesen Kindern professionell Bildung zu ermöglichen.

 

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