Admiralsbrücke, 13.12.1980

Ein bekannter Werbeslogan bringt es auf den Punkt: Berlin haftet etwas Wunderbares an. Das liegt nicht nur an der lebhaften Club- und Musikszene, der vielseitigen Kulturlandschaft oder den endlosen Shoppingmöglichkeiten, sondern auch daran, dass dort zahlreiche historische Ereignisse stattfanden. Manche von ihnen sind noch deutlich an prägnanten Gebäuden oder auffallenden Denkmälern zu erkennen, an andere hingegen erinnert inzwischen nicht mehr allzu viel.
Eine Epoche, die im heutigen Stadtbild oftmals keine Spuren hinterlassen hat, sind die Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre. Dabei waren die drei Jahrzehnte vor dem Mauerfall eine Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen: In der geteilten Stadt gingen Studenten auf die Straße, besetzten Jugendliche die Häuser ganzer Stadtviertel, meldeten sich Oppositionelle hörbar zu Wort. Die Schauplätze dieser Ära lassen sich nun mit dem großartigen Buch ›Berlin – Stadt der Revolte‹ der beiden ›Spiegel‹-Redakteure Peter Wensierski und Michael Sontheimer erkunden. Anhand einer »historischen Landkarte«, die Wohnungen, Häuser, Straßen und Plätze aufführt, schildern die Autoren Begebenheiten, die sie als Schüler und später als junge Journalisten zum Teil persönlich miterlebt haben. Und das ist dem Buch auch anzumerken: Die verschiedenen Anekdoten werden nicht nur mit erstaunlichem Hintergrundwissen, sondern auch mit viel Sympathie für die teilweise schrillen Protagonisten beschrieben. Sofort befindet man sich als Leser mitten in einer Sitzung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), erlebt man das Konzert der Rolling Stones im September 1965 in der Waldbühne und die anschließenden Unruhen mit, begleitet man die Eröffnung des ersten »Kinderladens« der DDR, einer alternativen Kinderbetreuungsstätte nach westlichem Vorbild, in der Husemannstraße am Prenzlauer Berg und kann man den Anarchorockern von Ton Steine Scherben beim Proben am Tempelhofer Ufer zuhören. »Wir wollten die Ereignisse so aufschreiben, dass etwas vom damaligen Feeling rüberkommt, nicht steif und wissenschaftlich«, sagt Wensierki. »Darum haben wir mit den Beteiligten gesprochen, mit denjenigen, die wirklich auf dem Grundstück von Robert Havemann waren, mit Katja Havemann oder mit den Besuchern der Untergrundlesungen.« Ergänzt werden die Erinnerungen der Zeitzeugen durch Aufzeichnungen von Telefongesprächen, Mitschriften aus Gerichtsverhandlungen oder Ausschnitten aus Stasi-Akten. Zur Lebendigkeit der Darstellung tragen überdies die vielen Details aus dem täglichen Leben der Aufsässigen bei. Es ist erstaunlich, wie viel scheinbar Banales über diese verrät. Etwa über den herrschenden Dogmatismus in der »Ost-Kommune 1« in Friedrichshain. Für den »Giftschrank«, der 71 Westbücher enthielt, legte eine rigide Bücherordnung akribisch fest, wer wann welches Buch ausleihen darf.

Die taz-Frauen bei der Durchsetzung der ersten Frauenquote der Bundesrepublik am 15. November 1980 in Berlin-Wedding.

Was ›Stadt der Revolte‹ von anderen einschlägigen Sach- und Fachbüchern unterscheidet, ist der Umstand, dass West- und Ostteil der Stadt gleichberechtigt nebeneinander betrachtet werden. »Viele denken, der Osten sei langweilig und im Westen sei viel mehr los gewesen«, so Wensierski. »Aber wenn man einen zweiten Blick wagt, merkt man, dass es unter der Decke auch im Osten ganz schön bunt zuging. Es gab viele Aktivitäten, viel Widerstand. Die waren nur vielleicht nicht immer so stark in den Medien vertreten wie das Geschehen im Westen.« Die Ost-West-Perspektive des Buches verdeutlicht zudem, welche Gemeinsamkeiten zwischen den jungen Rebellen trotz unterschiedlicher Staatssysteme und Gesellschaftsmodelle existierten. »In beiden Teilen der Stadt wurde eine Alternative zum Bestehenden gefordert«, sagt Wensierski. »Es ging um ein selbstbestimmtes Leben, um Kritik an den Verhältnissen. Dabei war im Osten der Sehnsuchtsort nicht der Kapitalismus im Westen, und im Westen der Sehnsuchtsort nicht der Sozialismus im Osten. Es gab eher etwas gemeinsames, diffuses Anderes.«
Mit ihrem Buch möchten die Autoren Aspekte in den Fokus rücken, über die bisher gar nicht oder nur wenig geschrieben wurde. Etwa die Helm-Aktion 1968. Nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke organisierte der junge Ost-Berliner Schriftsteller Klaus Schlesinger mit Freunden und Bekannten unzählige Motorradhelme und Regenmäntel für Aktivisten der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die dann in den Westen »geschmuggelt« wurden. Ein weiteres Beispiel für einen spannenden, aber unbekannten Schauplatz der Stadtgeschichte ist die ›Teestube‹ in Charlottenburg. »Über sie ist noch keine Zeile veröffentlicht worden«, sagt Michael Sontheimer, 1978 Mitgründer der taz. »Sie war aber für die Westberliner Subkultur ein ganz wichtiger Ort. Das war die erste Teestube, in der die Jugendlichen nicht nur politisch diskutierten, sondern auch Haschisch rauchten. Ich selbst war als Schüler auch dort.« Die eigenen Erfahrungen der Autoren und deren enge Kontakte zu früheren Aktivisten gewähren dem Leser einen beeindruckenden Insiderblick, der noch durch viele bisher unveröffentlichte Fotos erweitert wird.
Bei ›Stadt der Revolte‹ handelt es sich nicht nur um die Erinnerungen von verträumten Althippies und trotzigen Ex-Gammlern. Vielmehr verdeutlicht das Buch ebenso leichtfüßig wie eindringlich, welche grundlegenden kulturellen Entwicklungen durch sie in drei Jahrzehnten angestoßen wurden: von der Gleichberechtigung der Frauen bis hin zur Akzeptanz von Schwulen und Lesben. »Und hätte es die Hausbesetzer, die damals von der Springer-Presse als ›Chaoten‹ und ähnliches beschimpft wurden, nicht gegeben«, betont Sontheimer, »dann würde in Kreuzberg nur noch die Hälfte der Altbauten stehen.« Außerdem kann und sollte das Buch wichtige Impulse und Anregungen für die Gegenwart liefern. »Bei den Gesprächen mit den Akteuren stellten sich schnell Verbindungen zu aktuellen Problemen her«, sagt Peter Wensierski. »Schon damals ging es um den Kampf um Wohnraum, und heute ist die Situation nicht anders. Es ist himmelschreiend, welche Auswüchse Gentrifizierung, Mietwucher und Luxusmodernisierung in der Stadt annehmen.« Michael Sontheimer ergänzt: »Das Entscheidende an den Ereignissen der 60er-Jahre ist, dass Menschen erst mal alles infrage stellten: ›Muss das so sein, wie es ist?‹ Und einige haben dann gesagt: ›Wir wollen auch was tun, damit sich was verändert‹.« Wie erhebend die Erfahrung war, gemeinsam mit anderen politisch etwas zu erreichen, hätten alle Beteiligten von damals berichtet. »Von solchen Erfahrungen zehrt man sein ganzes Leben.« Kurzum: ›Stadt der Revolte‹ sei nicht nur politisch Engagierten, sondern auch denjenigen, die sich für Berlin und seine Bedeutung in der jüngsten Geschichte interessieren, dringend ans Herz gelegt.
Am 21. März um 20 Uhr stellen die Autoren ihr Werk im Berliner Pfefferberg Theater in der Schönhauser Allee 176 vor. Bei der Veranstaltung sind auch einige der im Buch vorkommenden Alt-Rebellen anwesend.

Michael Sontheimer, Peter Wensierski:
Berlin – Stadt der Revolte
Ch.Links Verlag
ISBN: 978-3-86153-988-9
25 Euro

 

Kommentare sind geschlossen.