Welche Faszination eine jahrhundertealte Handwerkskunst bis in unsere Tage ausüben kann, beweisen Musikinstrumente von Stradivari oder Amati. Um Geigen dieses Namens ranken sich Legenden, die schon vielfach Gegenstand von Dokumentationen und Spielfilmen waren. Auch wenn die Überlegenheit des wundersamen Klangs, der etwa Stradivari-Violinen lange Zeit nachgesagt wurde, über moderne Geigen längst angezweifelt wird, verlieren Originale des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari nichts von ihrem Zauber. Um ein solches Stück zu besitzen, zahlten Sammler in der Vergangenheit mehrere Millionen Euro. Betuchte Mäzene und hochrangige Kulturinstitutionen ermöglichen ausgewählten Künstlern eigens, auf Instrumenten aus dem 18. Jahrhundert zu musizieren.
Wie viel Erfahrung, Kunstfertigkeit und »gutes Ohr« ungeachtet aller Legendenbildung in einer erstklassigen Violine stecken, weiß der Potsdamer Streichinstrumentenbauer Sebastian Mende. In seiner Werkstatt im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum baut und repariert er Geigen, Celli und Bratschen. Mendes Arbeit ist sehr aufwendig, der Neubau einer Geige dauert im Schnitt bis zu 150 Stunden. Die Reparatur eines Instrumentes beansprucht oft nicht weniger Zeit. Als Gutachterin für die Qualität seiner Instrumente steht Mende seine Partnerin zur Verfügung: »Ich habe den Vorteil, dass meine Frau eine grandiose Geigerin ist«, sagt er. »Aber ich habe sie nicht nur deswegen genommen«, fügt er lachend hinzu.
Sein Handwerk hat der gebürtige Thüringer von der Pieke auf in einer Werkstatt erlernt. »In der Ausbildung wurde mir beigebracht, mit Schnitzmesser, Sägen und Hobel umzugehen, die Hand mit dem Werkzeug eins werden zu lassen und die Eigenschaften der verschiedenen Holzarten zu unterscheiden.« Wenn Mende heute Fichte und Bergahorn bearbeitet, verwendet er Hobel, die nicht größer als zwei Zentimeter sind. »Geigenbau ist sehr traditionsverhaftet, wir arbeiten mit den Werkzeugen und Materialien, mit denen schon vor 400 Jahren gearbeitet wurde.« Als Vorlagen für neue Instrumente dienen nach wie vor die Modelle der großen Geigenbauerdynastien wie eben Amati oder Stradivari.
Wenn er gefragt wird, warum er den Beruf des Instrumentenbauers gewählt hat, antwortet Mende: »Kunst, Musik und Handwerk haben mich schon immer bewegt – im Geigenbau kann ich diese drei Dinge miteinander verbinden.« Der 43-Jährige hat von Kindesbeinen an gern gebastelt und mit den Händen gearbeitet. Zudem lernte er schon als Junge das Cellospielen. Seine Leidenschaft für historische Streichinstrumente verdanke er seiner Liebe zur »alten Musik«, zur Musik der Renaissance und des Frühbarock. »Ich habe mich auf Barockgeigen und sogar noch frühere Instrumente, die Gamben, spezialisiert. Die Viola da Gamba ist eine Instrumentenfamilie, die zeitgleich mit den Geigen um 15. Jahrhundert entstand, aber keinen Eingang in das bürgerliche Orchestra gefunden hat«, erklärt der Geigenbauer.
Nach Potsdam kam der vierfache Vater für ein Praxissemester während des Studiums zum Diplom-Musikinstrumentenbauer. Das war vor zwölf Jahren. Im Rechenzentrum arbeitet Mende seit zwei Jahren, seit er sich als Instrumentenbauer selbstständig gemacht hat. Neben Auftragsarbeiten für Profikünstler und Liebhaber historischer Musik entwirft er auch Instrumente nach seinen eigenen Vorstellungen. »Ich habe viele Ideen, die ich verwirklichen möchte«, erzählt er begeistert. Also wer weiß: Vielleicht reißen sich Musiker und Sammler in einigen Jahren auch um eine echte Mende aus Potsdam.

Sebastian Mende stammt aus Thüringen. Er ist Diplom-Musikinstrumentenbauer und Geigenbaumeister. Neben dem Bau von Streichinstrumenten bietet er klassische Instandhaltungsarbeiten bis hin zum Drechseln von Wirbeln und der Herstellung sämtlicher Bestandteile von Streichinstrumenten an.

www.mende-geigen.de

 

Kommentare sind geschlossen.