Paris, 2015: In nur elf Tagen sollen sich 20.000 Vertreter aus 195 Ländern auf der Weltklimakonferenz auf das erste globale Abkommen gegen den Klimawandel einigen. Der österreichische Regisseur Filip Antoni Malinowski begleitete die Konferenz und drehte für seinen Dokumentarfilm ›Guardians of the Earth‹ hinter den Kulissen. Vor Kurzem kam der Film in die deutschen Kinos und läuft etwa im Thalia Potsdam. friedrich sprach mit Malinowski über die Produktion von ›Guardians of the Earth‹ und über die Zukunft unserer Welt.

Filip, wie ist das Filmprojekt entstanden?
Die Idee ist Anfang 2015 entstanden, also ein paar Monate vor Beginn der Konferenz. Es war der Versuch, einen Film zu machen über Solidarität und über die Frage, wie die Politik mit den großen globalen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, umgeht. Und der Klimawandel ist die größte Herausforderung von allen, weil alle Länder davon betroffen sind. Wie funktionieren die politischen Instrumente? Haben wir dazu Instrumente? Diesbezüglich war die Klimakonferenz der ultimative Ort. Es gab bereits 20 Konferenzen davor, die waren bedeutsam, weil sie auf dieses Abkommen hinausliefen. 2015 war zeitlich der letztmögliche Termin. Wissenschaftlicher hatten berechnet, wie viel Zeit uns noch bis zum ›gefährlichen Klimawandel‹ bleibt. ›Gefährlicher Klimawandel‹bedeutet, wir erwärmen die Erdatmosphäre im Durchschnitt mehr als zwei Grad im Vergleich zu dem Zeitpunkt, bevor die Industrie klimaaktive Gase produziert hat. Mancher sagt vielleicht, zwei Grad sind doch nicht viel, es ist doch schön, wenn‘s wärmer wird. Aber in manchen Regionen sind es vielleicht acht oder zehn Grad, und dort wird das Leben nicht mehr möglich sein. Außerdem sterben massenhaft Tiere und Pflanzen, weil sie den Wandel nicht vertragen. Und dafür war das Zeitfenster 2015 gewesen: Wenn wir es schaffen bis 2015 Pläne zur Reduktion umzusetzen, lässt sich das technisch hinkriegen. Deswegen war die Stunde Null das Abkommen im Dezember 2015, danach wäre es nicht mehr möglich gewesen.

Du begleitest im Film einige wichtige Akteure, etwa den Klimaexperten aus Bangladesch Saleemul Huq. War es schwierig, an die alle heranzukommen?
Generell haben die Leute auf einer Klimakonferenz natürlich Wichtigeres zu tun, als sich mit einem Filmregisseur herumzuplagen. Sie sind dabei, ihre eigenen Länder zu retten und die Interessen ihrer Regierungen durchzusetzen. Aber viele von denen haben zwei Jahrzehnte an den Studien oder den Formulierungen des Abkommens gearbeitet, sie wollten, dass ihre Arbeit auch mal gewürdigt wird. Saleemul Huq hat zum Beispiel an jeder einzelnen Klimakonferenz teilgenommen. Er ist jedes Jahr dort hingefahren und hat mit den Vertretern der am meisten betroffenen Länder um deren Interessen gekämpft. Darum wurde er auch zur Hauptfigur des Films, denn Bangladesch gehört zu den Top 5 der bedrohten Länder. Von dort werden 20 Millionen Menschen flüchten, wenn das Meer 2 Meter ansteigt. Mitunter wird sogar von einem möglichen Anstieg von bis zu neun Metern gesprochen. Wir werden die Geologie unseres Erdsystems also für immer verändern. 75 bis 80 Prozent aller Städte werden überflutet sein. Bei den Verhandlungen ging es um die Zukunft des Menschen auf diesem Planeten.

Du scheinst teilweise in geschlossenen Verhandlungen zu filmen …
Es gibt öffentlich zugängliche Veranstaltungen, aber die meisten Verhandlungen sind geheim. Ja, es ist uns gelungen, geheime Verhandlungen am letzten Tag, in den letzten Stunden des Abkommens zu filmen. Der Film dokumentiert, auf welch zynische Weise sich manche Länder gegen die Forderungen des Restes der Weltgemeinschaft durchsetzen. Nach außen geben sie sich engagiert, aber in den geheimenen Verhandlungen wird dann unverhohlen der eigene Vorteil durchgesetzt.

Ist der Titel des Films eine ironische Anspielung auf den Comicfilm ›Guardians of the Galaxy‹?
Im Film kommen ganz verschiedene Akteure vor: Aktivisten, Vertreter aus armen Ländern, Vertreter aus Industrieländern, Politiker, Medienstars, die dort auftreten. Alle versuchen quasi, die Erde zu retten. Aber wenn man ›Guardians of the Galaxy‹ kennt, weiß man auch, das diese Guardians gar nicht groß motiviert sind, die Galaxy zu retten. Das ist leider auch bei vielen Gesandten und Diplomaten so. Einige von ihnen versuchen, die Konferenz von innen zu sabotieren. Insofern ist es tatsächlich eine Anspielung auf den Trickfilm.

Und wer ist nun Superschurke oder Superheld? Kann man das sagen?
Das ändert sich. Alle paar Jahre gibt es eine neue Regierung, oder Regierungen ändern ihre Programme. Manche Länder waren jahrelang ambitioniert, dann plötzlich nicht mehr. Zum Beispiel Australien, Kanada oder die USA, die jetzt austreten wollen. Dann gab es Länder, die von Anfang an keine Problem mit einem schlechten Image hatten, etwa erdölproduzierende Länder wie Saudi-Arabien. Die haben, mitunter im geheimen Auftrag anderer, die Verhandlungen über die letzten Jahre blockiert. Bestimmte Länder, die um ihr Image fürchten, haben sich mit Ländern wie Saudi-Arabien verabredet, die keine Angst um ihren Ruf in der Weltgemeinschaft haben. Saudi-Arabien hat in den letzten zwei Jahrzehnten alles Erdenkliche getan, um die Verhandlungen zu sabotieren. Das begann schon bei formellen Entscheidungen, dass sie sich nicht auf Verhandlungszeiträume einigen konnten. Das ist insofern heikel, als die Verhandlungen auf dem Konsensprinzip beruhen, das heißt, alle Teilnehmer müssen zustimmen. Oftmals schlagen plötzlich auch kleine arme Länder aus, weil sie unter dem finanziellen oder wirtschaftlichen Einfluss von großen Ländern stehen und dann lieber Fördergelder oder Sponsoring annehmen, als sich fürs große Ganze zu engagieren. Zumal man eh nicht weiß, ob es diese Länder in hundert Jahren überhaupt noch gibt. Und manche Länder gibt es tatsächlich wahrscheinlich in zehn Jahren nicht mehr …

Vor allem Inselstaaten wie die Seychellen scheinen akut gefährdet zu sein.
Ja, Länder wie die Marshallinseln werden in zehn, zwanzig Jahren geologisch nicht mehr bestehen, weil sie den Klimawandel nicht überleben. Damit hören auch Nationen auf zu existieren. Laut UN ist man erst ein Land, wenn man geologisch vorhanden ist. Wenn man nicht mehr geologisch vorhanden ist, weil das eigene Land unter Wasser steht: Ist man dann noch eine Nation?

Du sprachst von Australien, das sich auf den Konferenzen sehr wechselhaft verhalten hat. Es wurde 2015 in Paris während einer Art Kabarett-Veranstaltung zum „Fossil of the Day“ gekürt wurde. War das Teil des Konferenz-Programms?
In Paris waren 35.000 Menschen, davon waren 20.000 Unterhändler, und der Rest waren NGO-Mitglieder oder Civil Society. Die haben, während die Unterhändler in den Verhandlungen saßen, das Geschehen beobachtet und kommentiert. In diesem Rahmen hat jeden Tag eine ›Show‹ stattgefunden, in der dasjenige Land gekürt wurde, das die Verhandlungen am meisten blockiert hat. Und da wurden Australien und Saudi-Arabien besonders oft ausgezeichnet.

Eine sehr emotionale Szene im Film war die, wo Kritiker vom Sicherheitsdienst abgeführt wurden. Was war da los? War der Dreh gefährlich?
Es war generell schwierig und gefährlich, in Paris zu drehen, weil über die Stadt der Ausnahmezustand verhängt wurde. Das hatte mit den Terroranschlägen, aber auch mit der Konferenz selbst zu tun. So hat man es der Polizei sehr erleichtert, Aktivisten oder Demonstranten abzuführen. Wir haben mitbekommen, wie in Frankreich Menschen, die friedlich ihre Meinung sagen, von der Polizei abgeführt werden. Man hat uns auch die Kamera beschlagnahmt und wollte, dass wir das Material löschen – was wir dann aber nicht getan haben. Kritik wurde nicht gern gesehen. Nach außen hin wollte Frankreich ein Image vom Wandel und vom Fortschriftt zeigen – was vielleicht auch gut ist: Wozu soll man von vornherein alles schlecht machen? Das Abkommen ist vielleicht auch deshalb gelungen, weil man an die Machbarkeit geglaubt hat.

Die Konferenz war 2015, der Film erscheint jetzt. Warum die lange Zeit dazwischen?
Es hat etwas gedauert, ihn fertigzustellen: Er war fast ein Jahr im Schnitt und in der Postproduktion. Aber das Thema ist weiterhin aktuell. Das Pariser Abkommen betrifft uns die nächsten Jahrzehnte. Wenn es jetzt Veränderungen im Transportwesen, in der Energiegewinnung, in der Besteuerung von Autos gibt, geht es um die Umsetzung des Pariser Abkommens. Je mehr die Zeit voranschreitet, umso aktueller wird der Film. Wir hatten also keinen Zeitdruck, ihn sofort herauszubringen.

Der Film kann einen in mancher Hinsicht pessimistisch stimmen, etwa wenn man die Off-Kommentare von Donald Trump hört oder sieht, wie Kritiker abgeführt werden. Wie hat der Film deine Sicht auf die Dinge beeinflusst?
Generell habe ich eine gewisse Achtung bekommen vor den Diplomaten und Politikern, die dort vehement zwei Tage durchverhandeln. Sicher, die einen, um mehr Kohle zu exportieren, die anderen, um die Kohleproduktion zu reduzieren. Dadurch habe ich einen gewissen Glauben an die Politik mitbekommen. Andererseits habe ich bemerkt, wie viele Passagen aus dem ursprünglichen Textentwurf rausgestrichen wurden, aufgrund der Forderungen der Industrie. Zum Beispiel wird die Luftfahrt- und Schiffsindustrie, die ein treibender Faktor beim Klimawandel ist, komplett von den Regelungen gar nicht berührt. Und das, obwohl bekannt ist, dass sich die Luftfahrtemissionen verzwanzigfachen werden in den nächsten zehn Jahren. Da merkt man dann, wie groß der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik ist.

Was sind deine nächsten Projekte? Machst du über die Klimakonferenz in Kattowitz 2018 auch einen Film?
Oh nein, bitte nicht (lacht). Nach so einer Konferenz und zwei Jahren Produktion hat man erst mal das Bedürfnis, Pause zu machen. Ich glaube, ich werde etwas herumfahren und mir das eine oder andere bedrohte Land genauer anschauen, bevor es richtig schlimm wird.

guardians-of-the-earth.net

 

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