Ausblick vom Woltersdorfer Aussichtsturm, Foto: Edda Gutsche

Wenn im Mai die Saison für die Fahrgastschifffahrt beginnt, ist Woltersdorf wieder ein beliebtes Ziel. Egal, ob man mit dem Dampfer aus Richtung Berlin kommt, vorbei an Rahnsdorf, Hessenwinkel und Erkner, oder ob man aus Richtung Grünheide die stille Löcknitz entlangschippert – die Fahrt ist immer ein Erlebnis. Zu DDR-Zeiten war Woltersdorf ein Urlaubsparadies mit Bungalowsiedlungen und Betriebsferienheimen, heute findet der gestresste Großstadtmensch hier vielfältige Möglichkeiten der Naherholung inklusive Wellnessangeboten. Nach Ankunft an der Woltersdorfer Schleuse, die den Flakensee mit dem Kalksee verbindet, verteilen sich die Schiffsfahrgäste gewöhnlich auf die umliegenden Ausflugslokale. Wer zu einem Spaziergang aufgelegt ist, besucht die durch den Straßenbau zwar versiegte, aber sanierte Liebesquelle und kehrt vielleicht schräg gegenüber im gleichnamigen Restaurant ein. Unweit der Quelle verbirgt sich im Waldesdickicht ein Aufstieg zu den Kranichsbergen. Hier wurde 1885 der erste hölzerne Aussichtsturm errichtet. Vom Volkssturm bei Kriegsende niedergebrannt, erhielt er Anfang der Sechzigerjahre einen Nachfolger, der nach jahrelanger Zweckentfremdung und Sperrung seit 1990 wieder zugänglich ist.
Die Besucher erwartet hier eine originelle Ausstellung über die Filmstadt Woltersdorf, das »märkische Hollywood«. Woltersdorf hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Kur- und Erholungsort entwickelt, der zahlreiche Prominente aus Kultur und Geschäftswelt anzog. Als im Sommer 1913 die Woltersdorfer Straßenbahn eröffnet wurde, war man von hier aus sogar schneller in Berlin als von Babelsberg mit seinem neu gegründeten Filmstudio. Der österreichische Filmregisseur und -produzent Joe May (1880–1954) hatte bereits im Jahr zuvor im benachbarten Rüdersdorfer Kalktagebau gefilmt. Er machte den Regisseur und Schauspieler Harry Piel (1892–1963) mit der Gegend bekannt, der hier seinen Western ›Erblich belastet?‹ drehte. Ab 1919 wurden auf dem Gelände der Mayschen Filmstadt die Serie ›Herrin der Welt‹, der Zweiteiler ›Das indische Grabmal‹, ›Der Tiger von Eschnapur‹ und viele andere Filmklassiker produziert. Doch bereits Mitte der Zwanzigerjahre war der ganze Rummel vorbei, und das Filmgelände wurde 1929 an die Gemeinde verkauft.
Der Woltersdorfer Verschönerungsverein hat historische Fotos, Filmplakate und Kulissenteile zusammengetragen, die nun beim Erklimmen des Aussichtsturms bewundert werden können. Der Ausblick von ganz oben ist grandios: eine grüne wellige Landschaft, in die wie blaue Augen die Seen gebettet sind, nach Norden die Schornsteine des Rüdersdorfer Kalkwerks, das heute Museum ist, und ganz weit im Westen die Silhouette der Hauptstadt. Den neu gestalteten Woltersdorfer Dorfkern markiert der Turm der St. Michael-Kirche. Gleich nebenan steht die Alte Schule, die heute als Kulturhaus genutzt wird. Neben einer Kunstgalerie, die alle sechs Wochen eine neue Ausstellung zeigt, hat hier das Woltersdorfer Heimatmuseum sein Domizil. Die Schaubereiche umfassen prähistorische Funde, Handwerk und Gewerbe, Ortsgeschichte bis zum 19. Jahrhundert und natürlich die historische Straßenbahn. Ein Teil der ständigen Ausstellung widmet sich Kunst und Lebensreform und somit dem wohl berühmtesten Wahl-Woltersdorfer, dem Jugendstilmaler Hugo Höppener alias Fidus (1868–1948). Im Jahre 1892 kam er mit dem befreundeten Theosophen Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846–1916) nach Berlin, arbeitete als Gebrauchsgrafiker und Zeichner für dessen Zeitschrift ›Sphinx‹, illustrierte Bücher für den Friedrichshagener Dichterkreis und schuf Gemälde, die sowohl von Elementen des Jugendstils als auch von theosophisch-religiöser Symbolik geprägt waren. Seine Bilder und Zeichnungen erschienen in Kunst- und Kulturzeitschriften der Jahrhundertwende und waren unter den Anhängern der »Jugendbewegung« besonders beliebt.
1906 ließ sich Fidus an der Köpenicker Straße 46 im Ortsteil Schönblick nach eigenen Plänen ein Atelier- und Wohnhaus bauen. Sein Nachbar war der Musiker und Komponist Arno Reutsch (1870–1942), der in den Zwanzigerjahren in Woltersdorf die Gesellschaft der Musikfreunde mit Chor und Orchester gründete. Vor dessen Grundstück steht ein Gedenkstein für den Flugpionier Martin Haller (1895–1994), der 1945 bei Reutschs Witwe Quartier fand und im »Fidushaus« ein- und ausging. Fidus starb in seinem Haus und wurde auf dem Woltersdorfer Friedhof beigesetzt. Anlässlich seines 150. Geburtstags und 70. Todestags finden in Woltersdorf mehrere Veranstaltungen statt. So wird am 12. Mai 2018 im Heimatmuseum beziehungsweise im Kulturhaus Alte Schule die Gemeinschaftsausstellung ›Begegnung mit Fidus‹ und ›Begegnung mit Fidus heute‹ eröffnet. Informationen zum Fidushaus gibt es am 9. September, dem Tag des offenen Denkmals. Treffpunkt ist um 14 Uhr vor dem Grundstück. Da die Erben das Haus verkauft haben, ist es nicht mehr öffentlich zugänglich.
Wer von hier aus auf dem Landweg die Rückreise antreten möchte, findet an der Fasanenstraße die nächste Straßenbahnhaltestelle. Die Woltersdorfer Straßenbahn verkehrt als Linie 87 zwischen Woltersdorfer Schleuse und dem S-Bahnhof Rahnsdorf. Weiter geht es mit der S 3 in Richtung Berlin oder Erkner. Mit dem PKW ist Woltersdorf über die A 10 Abfahrt Rüdersdorf/Woltersdorf zu erreichen.

Öffnungszeiten:
Aussichtsturm von April bis Oktober täglich von 9.30–15.30 Uhr, Sa, So und feiertags von 10–17 Uhr
Heimatmuseum Mi 11–13 Uhr, Sa 14–18 Uhr

 

Kommentare sind geschlossen.