Foto: Uwe Berner

Sie lügen und betrügen, lieben verzweifelt und zerbrechen daran – die Götter, die Kate Tempest in ihrem preisgekrönten Langgedicht ›Brand new Ancients‹ (zu Deutsch ›Brandneue Klassiker‹) erschafft, sind alles andere als erhaben und perfekt. Sie tragen Namen wie Kevin oder Jane und leben in Reihenhäusern im Südosten Londons. Und dennoch sind sie überweltliche Wesen, die die gesamte Tragik der Menschheitsgeschichte in sich zu tragen scheinen. Tempest erzählt davon in Form einer antiken und zugleich modernen Tragödie in temporeicher und energiegeladener Sprache. Es geht um zwei Familien, die auf tragische Weise miteinander verbunden sind, und in denen jedes einzelne Mitglied um sein persönliches Glück ringt – unter schwierigen sozialen Bedingungen sowie meist vergeblich.
In Potsdam hat die junge Regisseurin Susanne Laser ein Stück nach diesem Gedicht der britischen Musikerin und Lyrikerin auf dem Theaterschiff auf die Bühne gebracht, es ist eine deutsche Erstaufführung. 2017 debütierte Laser auf dem Theaterschiff mit einer Inszenierung von Franz Kafkas ›Die Verwandlung‹, was nach erfolgreicher Aufführung die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Ensemble in der Schiffbauergasse war.
In ›Brandneue Götter‹ nun wirken die Götter Kevin, Jane, Mary und Brian wie Figuren aus einem Schwarz-Weiß-Film. Ihre Gesichter sind weiß, die Augen wirken starr und ausdruckslos, es lässt sich nichts an ihnen ablesen. Laser verortet sie in eine Welt des Scheins, in dem Schönheitswahn und Hedonismus dominieren, symbolisiert durch einen goldenen Plastikvorhang und eine Diskokugel über den Köpfen der Schauspieler. Die Vorlage von Tempest macht es dem Zuschauer alles andere als leicht, sich für Mitgefühl oder Ablehnung der Figuren zu entscheiden, denn diese zeigen sich selbst in einer erstaunlichen Bandbreite von empathisch bis gewalttätig. Und auch Laser will es dem Zuschauer mit dem Stück nicht leicht machen. Als Experiment bezeichnet sie dieses deshalb auch. Darin geht es um die Spannung, eine eigene Position zu finden. Was sind das für Götter, die unserer Zeit?

Theaterstück ›Brandneue Götter‹; noch zweimal zu sehen am
8. und 9. Juni, 19.30 Uhr; Karten: 15 € / 13 €

 

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