Das ist nichts für schwache Nerven, was Carolin Schönborn vor ein paar Jahren auf einer Indienreise erlebt. In einer Tierauffangstation sieht sie mit an, wie einer Kuh gleich mehrere Kilo Plastik aus dem Magen entfernt werden. Das Tier hatte gefressen, was Menschen achtlos auf die Straßen werfen. Es ist ein Erlebnis, das die 29-Jährige nachhaltig prägt: »Nach meiner Rückkehr wollte ich bewusster leben, was Plastikkonsum angeht«, sagt sie. »Der Müll liegt hier zwar nicht auf den Straßen, aber wir produzieren ihn trotzdem täglich.« Weil sie außerdem zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einer beruflichen Alternative zu ihrem Lehramtsstudium ist, entsteht die Idee, ein verpackungsfreies Lebensmittelgeschäft zu eröffnen. »Ich habe einen Bericht über den ersten Laden dieser Art in Deutschland gesehen und wusste sofort, dass ich das machen möchte«, so Schönborn.
Und dann geht alles ganz schnell. Sofort beginnt sie, zu ihrer Idee zu recherchieren und Kontakt zu Inhabern anderer verpackungsfreier Geschäfte aufzunehmen. Es gebe ein kleines Netzwerk, in dem sich die Gründer über ihre Erfahrungen austauschen, so Schönborn. Das sei gute Starthilfe gewesen. Das Geld für notwendige Investitionen kommen aus Ersparnissen und einem Familienkredit.
Sicher ist sich die Gründerin auch gleich beim Ort, der kein anderer als Potsdam sein soll. Sie ist überzeugt: »Das Bewusstsein und die Bereitschaft bei den Potsdamern, konventionellen Konsumgewohnheiten entgegenzuwirken, sind da.« Ladenräume findet sie schließlich in der Zeppelinstraße, ›MaßVoll‹ heißen die rund 70 Quadratmeter Verkaufsfläche jetzt.
Erfreuen können sich Kunden an einem großen Sortiment, das »zu 90 Prozent aus regionaler und biologischer Produktion« stammt, wie Schönborn sagt. Außer Fleisch soll es nahezu alles für den täglichen Bedarf geben, unter anderem Reis, Nudeln, Obst, Backwaren oder Hygieneartikel. »Vorstellen kann man es sich wie einen größeren Tante-Emma-Laden«, in dem die Ware in selbstmitgebrachte oder zu erwerbende Behältnisse abgefüllt werden können.
Dass Carolin Schönborn nun diejenige ist, die den ersten verpackungsfreien Laden in Potsdam eröffnet, freut sie selbst sehr. Und auch, dass das öffentliche Interesse daran so groß sei. Allein ein Aushang im Fenster der Geschäftsräume habe bewirkt, dass sich Radio, Fernsehen und Zeitungen bei ihr gemeldet hätten und in den Sozialen Medien darüber gesprochen werde.
Mit Blick auf Meere und Städte voller Müll sagt sie aber deshalb auch: »Ich wäre nicht enttäuscht gewesen, wenn es jemand anderes gemacht hätte – Hauptsache irgendjemand.«

MaßVoll
Zeppelinstraße 1
14471 Potsdam

 

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