Zeugnisse von Aufsehern des sowjetischen Zwangsarbeitersystems der 1930er-Jahre sind selten. Umso erstaunlicher sind die Einblicke, die das Buch ›Sibirien, Sibirien. Tagebuch eines Lageraufsehers‹ gewährt: »Cistjakovs Tagebuch ist eines der glaubwürdigsten Zeugnisse für die Untauglichkeit des Stalin’schen Zwangsarbeitsystems. Er beschreibt die Vorgänge Tag für Tag aus dem Inneren des Systems heraus«, sagt Herausgeberin Irina Scherbakowa. Nur durch Zufall gelangte das Tagebuch in die Hände der russischen Publizistin, die als Historikerin bei der Moskauer historisch-aufklärerischen Menschenrechtsorganisation ›Memorial‹ aktiv ist. Entfernte Verwandte von Ivan Cistjakov entdeckten die Aufzeichnungen im Nachlass und wollten dieses Zeugnis für die Nachwelt bewahren.
Der Moskauer Ivan Petrovic Cistjakov wurde 1935 in die sowjetische Armee eingezogen und als Offizier der »Bewaffneten Lager-Schutzmannschaft« eingesetzt. In dieser Funktion arbeitete er im BAMLag, einem riesigen Lagerkomplex, der sich zwischen den sibirischen Städten Tschita und Ussurijsk über 2.000 Kilometer hinzog. Tausende Zwangsarbeiter mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen die Baikal-Amur-Eisenbahn-Magistrale, eine Bahnverbindung durch Sibirien bis in den Fernen Osten Russlands, bauen. Cistjakov war einer ihrer Aufseher. Doch aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, wie widerwillig er seiner Arbeit nachging und wie er ständig in Konflikt mit seinem Gewissen geriet, aber auch härter wurde: »Wie vielen Leuten habe ich die Frist verlängert. Du bemühst dich, ruhig zu sein, aber manchmal verlierst du die Nerven.« 1937/38 wurde aus dem »Täter« selbst ein »Opfer«. Aus bisher unbekannten Gründen kam Cistjakov in Lagerhaft. Doch seine Strafe blieb kurz, denn 1941 wurde der Rotarmist an der Front gegen die Deutsche Wehrmacht eingesetzt und fiel bei Kämpfen nahe der westrussischen Stadt Tula.
Im Rahmen der Sonderausstellung ›Kunst aus dem GULag. Solomon Gerschow, Workuta 1948–56‹ der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße stellt Irina Scherbakowa am 21. Juni um 18 Uhr das Buch ›Sibirien, Sibirien. Tagebuch eines Lageraufsehers‹ vor.

Lesung ›Sibirien, Sibirien. Tagebuch eines Lageraufsehers‹
Donnerstag, 21. Juni, 18 Uhr; Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, Lindenstraße 54, 14467 Potsdam
Eintritt frei

 

Kommentare sind geschlossen.