Fotos: Edda Gutsche

Besucher von Nauen im Havelland müssen nicht bis zum Abend warten, um mit dem Nachtwächter die Stadt zu erkunden. Wolfgang Wiech, der diesen »Beruf« vor einigen Jahren wieder eingeführt hat, passt sich den Wünschen seiner Gäste an. Die Stadt kennt der Nauener seit 67 Jahren. Vor allem die älteren Einwohner hat er belauscht, Archivmaterial gewälzt und sich eine Unmenge von Wissen angeeignet. So macht er die Stadtbesichtigung zum Erlebnis.
Theodor Fontane hatte für Nauen freilich nicht viel übrig. Er kam eines schönen Tages mit dem Mittagszug aus Berlin an, durchquerte die Stadt zu Fuß und schimpfte über die schlechten Straßen. Seine Wanderung setzte er nach Etzin und Ketzin fort, über das er schon Besseres zu berichten wusste. Am Zustand der Nauener Straßen hatte sich bis in die 1990er-Jahre kaum etwas geändert, die Altstadt war völlig heruntergekommen. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse verhinderten eine zügige Sanierung. Die Nauener interessierten sich auch nicht sonderlich für die alten Häuser – sie hatten oftmals andere Sorgen. Kein Wunder also, dass deren neue Eigentümer überwiegend aus den alten Bundesländern kommen. Berlin und Potsdam liegen fast vor der Haustür, und Immobilien sind in Nauen preiswerter. Seit ein paar Jahren nun ist die Stadt einschließlich der Neubauten saniert. Hier und da stehen zwar noch einige wenige Ruinen, doch die sind in festen Händen.
Seit der Gemeindefusion im Jahre 2003 ist Nauen flächenmäßig etwa so groß wie Stuttgart und hat knapp 17.000 Einwohner. Ihre Bekanntheit verdankt die Stadt insbesondere der ältesten noch bestehenden Sendeanlage der Welt. Sie ging aus der 1906 nördlich von Nauen errichteten Funkstelle, einer Versuchsstation von Telefunken, hervor. Diese wurde 1921 zur Großfunkstelle Nauen erweitert. Bis vor sieben Jahren diente sie der Ausstrahlung der Deutschen Welle über Kurzwelle.
In der Nauener Altstadt gibt es viel Fachwerk zu bestaunen. Die ehemaligen Ackerbürgerhäuser sind an ihren großen Toreinfahrten zu erkennen, wurden doch die Grundstücke landwirtschaftlich genutzt. Heute führen die Tore in kleine grüne Oasen mit liebevoll hergerichteten Nebengelassen. »Die Besucher kommen wegen der Höfe nach Nauen«, weiß Wiech zu berichten. Einer der schönsten verbirgt sich hinter dem Haus mit der Aufschrift ›Hermann Schmidt‹ in der Goethestraße. Jedes Jahr am dritten Adventswochenende findet hier die ›Hofweihnacht‹ statt, eines der Highlights von Nauen. Gleich nebenan befand sich eine Holz-, Kohlen-, und Steinhandlung. 1995 wurde hier der Film ›Der Trinker‹ nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada gedreht. Die Hauptrolle spielte der ebenfalls trinkfreudige Harald Juhnke, der dabei seine eigene Alkoholkrankheit verarbeitet haben soll und in dem Haus seine Filmwohnung hatte. Auch andere Filme wurden in Nauen gedreht, etwa ›Solo Sunny‹ von Konrad Wolf.
Filmreif war auch das dreimonatige Gastspiel des preußischen Kronprinzen Friedrich, dem künftigen König Friedrich II. Dieser hatte sich im Jahre 1732 nach Flucht und Festungshaft in Nauen als Bataillonskommandeur zu bewähren und wohnte im Vorgängerbau des Hauses Goethestraße 52. Von hier aus stellte er der hübschen Pfarrerstochter nach, was deren gestrenger Vater letztendlich vereitelte. Friedrich wurde kurzerhand nach Neuruppin strafversetzt und warf zum Abschied dem Pfarrer und einigen anderen Bürgern die Fensterscheiben ein. Heiß her ging es auch in der Scheune eines Bauern: Hier hatten angeblich ein Knecht und eine Magd, die sich im Heu vergnügten, den großen Stadtbrand von 1695 verursacht. Beim Wiederaufbau der Stadt wurde die Nauener Doppeltür eingeführt, die noch an etlichen Gebäuden zu finden ist: Die linke Tür führt zum Hof und zu den unteren Wohnungen. Hinter der rechten Tür verbirgt sich eine steile Treppe, über die man zu den oberen Wohnungen gelangt.
»Der Nachtwächter versah die Aufgabe eines Brandwächters. Die Ansage der Zeit war seine ›Stechuhr‹, also der Beweis dafür, dass er nicht schläft«, erzählt Wiech, während er seine Gäste durch anheimelnde Gassen führt. Er kennt jeden Stein. In der Nähe des Eingangsportals der Sankt-Jacobi-Kirche sind an den Mauerziegeln Kratzspuren zu sehen. Das läge daran, dass die Kirche eine Zeit lang Wallfahrtsstätte war und die Pilger aus dem angeblich heilkräftigen Gemäuer ausschabten, was sie konnten. Die pulverisierten Ziegelsteinbröckchen sollen sie zu Hause ins Essen gemischt haben. Wie dem auch war, Sankt-Jacobi wurde im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts errichtet und nach dem großen Stadtbrand wiederaufgebaut. Der 55 Meter hohe Glockenturm mit seiner Welschen Haube ist heute ein Wahrzeichen der Stadt.
Von der Kirche ist es nicht weit zum 1891 fertiggestellten Rathaus. Im Herbst 1906 wollte der Schuster Wilhelm Vogt hier sein großes Ding drehen und die Stadtkasse rauben. Doch schien ihm sein Unterfangen wegen der sehr zahlreichen Militärs im Ort zu gefährlich und er verlegte sich auf Köpenick. »Seitdem lacht die halbe Welt über den ›Hauptmann von Köpenick‹ und nicht über den ›Hauptmann von Nauen‹«, sagt Wiech. Normalerweise ist das Rathaus Ausgangspunkt seiner Stadtführungen. Diese sind vorher zu vereinbaren.

Der Nauener Nachtwächter
Wolfgang Wiech
T 0151.50 90 96 46

 

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