Im Juni, wenn die Tage am längsten sind, räkeln sich die Pflanzen ordentlich in die Höhe, strecken der Sonne ihre schönsten Gesichter, die Blüten, entgegen. Im Wettstreit um leuchtende Farben, pralle Formen und lockende Düfte zeigen sie sich mal zartrosa und zerbrechlich, mal in frechem Signalgelb.
In ihrem Duft offenbart eine Pflanze ihre Seele, so sagt ein Sprichwort. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber Blüten berühren immer mein Innerstes. Sie wecken Lebensfreude, warme Sommererinnerungen und betören mit ihrem Duft. Wenn im November alles dunkelgrau erscheint, dann tauche ich mir die Sommerblüten von Linde, Rose oder Holunder in die Teetasse. Weil sie gut schmecken und kurz den Sommer herbeiholen. Sie sind mein Seelentrost.
Die Königin der Blumen kennt jeder: die Rose. Auch wissen alle, warum jemand Rosen verschenkt – als Zeichen seiner Liebe. Rosa Rosen stehen für zarte Verliebtheit, die dunkelroten Schwestern symbolisieren leidenschaftliche Liebe, warum sie Hauptakteure in zahlreichen Liebesgedichten sind.
Doch die Rosen haben weitaus mehr Geschichten zu bieten. Zahlreiche außergewöhnliche Frauen sind eng verbunden mit den Rosenblüten: die betörende Cleopatra, die unschuldige Maria, die verführerische Venus, die wilde Holda, das zarte Dornröschen.
 
Blüten für die Klostergärten

Neben zahlreichen Nutzpflanzen und Heilkräutern waren Rosen lange Zeit die einzigen Zierblumen in den Klostergärten und wurden deswegen besonders gehegt und gepflegt. Die Blüten wurden sorgsam geerntet und zwischen weißen Tüchern getrocknet. Mit der besonderen Anordnung ihrer fünf Blütenblätter bildet die Blüte die Grundlage für das Pentagramm oder den Drudenfuß, eines der wichtigsten Symbole der Alchemisten und Geheimbünde.
Wer über Rosen spricht, darf nicht vergessen, den berühmten Duft zu erwähnen. Mühsam werden die Blüten geerntet, um daraus wohlduftendes Rosenwasser und das kostbare ätherische Öl zu gewinnen. Für einen Liter ätherisches Rosenöl wird eine LKW-Ladung Rosenblüten benötigt. Das erklärt, warum Rosenöl so teuer ist: drei Milliliter kosten 50 Euro. Rosen stehen ebenso für Reinheit: Als Saladin 1187 Jerusalem wieder eroberte, blieb die von den Kreuzrittern als christliche Kirche genutzte Moschee solange geschlossen, bis ihre Wände, die Säulen und der Felsen, auf dem sie erbaut wurde, mit Rosenwasser rein gewaschen waren.
 
Liebe und Leidenschaft

Mit ihrer überwältigenden Schönheit sind Rosen aber auch die Pflanzen der Liebe und der Weiblichkeit. Ihr Duft betört. Das wusste und nutzte auch Cleopatra. Auf ihren Reisen nach Rom zu Caesar ließ die ägyptische Herrscherin die Segel ihres Schiffes mit Rosenöl tränken, sodass der Duft schon lange vor ihrer Ankunft bei ihrem Geliebten in den Straßen Roms zu riechen war.
Wenn Bienen eine Rosenblüte anfliegen, sind sie so betört von deren Duft, dass sie sich erst einmal wollüstig im Kreise drehen.
 
Rosen in der Heilkunde

Rosenduft wärmt und öffnet das Herz bei (Liebes)Kummer oder Einsamkeit. Massagen mit Rosenöl sollen die weibliche Ausstrahlung verbessern. Rosenwasser ist eine beliebte Zutat in der Arabischen Küche. Vor allem Süßspeisen wie Marzipan oder Baklava erhalten ein besonderes Aroma, wenn sie mit Rosenwasser zubereiten werden. Zudem wird dem Rosenwasser eine reinigende, pflegende und straffende Wirkung auf die Haut zugesprochen.
Die Blüten in Honig eingelegt, ergeben eine Arznei, die das Herz und die Nerven stärken. Aus den getrockneten Blüten können aromatische Tees zubereitet werden, die die Stimmung aufhellen. Ihre desinfizierenden und wundheilungsfördernden Eigenschaften wurden in der Volksheilkunde etwa in Form von Wundstreupulvern genutzt.
Rosen haben ihren ganz eigenen Zauber, von dem ich mich gern anstecken lasse. Ein üppiger Rosenstrauß auf dem Küchentisch, ein Risotto aromatisiert mit Rosenblüten und Zitrone, prickelnde rosa Rosenlimonade – das alles macht aus einem gewöhnlichen Tag ein Fest für die Sinne!
 

Rezept

Rosenzucker
1 Teil Zucker
1 Teil getrocknete Rosenblüten

Beides mörsern oder in der elektrischen Kaffeemühle zerkleinern. Dieser Rosenzucker kann wie Vanillezucker zum Aromatisieren von Süßspeisen und Gebäck verwendet werden. Das Ergebnis ist meistens unerwartet und köstlich.

 

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