Nachdem Gott die Erde erschaffen hatte, verteilte er das Land an die verschiedenen Völker. Dabei fehlten allerdings die Georgier, die erst nach der Verteilung erschienen. Fröhlich begannen sie zu singen und zu tanzen. Da hatte Gott ein Einsehen und gab den Georgiern jenes Stück Land, das er eigentlich für sich selbst zurückbehalten hatte.
So lautet eine schöne georgische Legende. Wer dieser auf den Grund gehen möchte, dem sei das Buch ›Georgien – Ein Länderporträt‹ des Potsdamer Autors Dieter Boden ans Herz gelegt. Boden, Jahrgang 1940, kennt das Land wie seine Westentasche, denn er leitete mehrere UN- und OSZE-Friedensmissionen in Georgien. Anschaulich und mitreißend erzählt er in seinem Buch über das Land, das malerisch zwischen Schwarzem Meer und Kaukasusgebirge liegt. Sein Länderporträt will er dabei nicht als Reiseführer oder Diplomatenmemoiren verstanden wissen, sondern als sehr persönliche Vorstellung Georgiens aus der Sicht eines Menschen, der dort fast fünf Jahrzehnte gearbeitet hat. »Meine Absicht war, keine wissenschaftliches trockenes Buch zu schreiben, sondern eines mit Kolorit und persönlichem Leben angefülltes«, erklärt Boden. Herausgekommen ist dabei eine gelungenes Sachbuch, das über Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur Georgiens informiert.
Ein eigener Abschnitt befasst sich mit den deutsch-georgischen Beziehungen. »Georgien ist ein kleines Land, aber für Deutschland ein idealer Partner, weil seit Langem intensive Beziehungen bestehen«, so Boden. »Es gab in der früheren Sowjetunion keine Region, wo mehr Deutsch gelernt wurde als in Georgien. Und das hat sich bis heute erhalten.« Das liege unter anderem daran, dass Georgien eigentlich ein europäisches Land ist, das aber seit dem Fall von Byzanz 1453 hinter einem Vorhang lag. »Seitdem gab es keine Verbindung zu Europa. Erst seit 1991 sind die Georgier wieder unabhängig und haben seitdem einen klar europäischen Kurs eingeschlagen.«
Trotz seiner westlichen Ausrichtung gilt Georgien hierzulande oft noch als sehr exotisches Land. »Das ist ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Ich wollte es näher an ein deutsches Publikum heranführen.« Inzwischen haben das fasziniernde Land viele deutsche Touristen für sich entdeckt. In den letzten Jahren erreichte der Tourismus aus Deutschland zweistellige Zuwachsraten. Vor allem in kultureller Hinsicht wächst die Intensität der Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien. »Man denke an die Pianistin Khatia Buniatishvili oder an die Autorin Nino Haratischwili und ihren hier erfolgreichen Roman ›Das achte Leben‹. Übrigens ein sehr kluges Buch, das viele Kenntnisse vermittelt.«
Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist Boden zufolge Georgien eine Reise wert. »Es ist inzwischen ein sicheres Land, was in der Region nicht selbstverständlich ist. In Tblissi kann man sich bewegen wie in einer normalen westlichen Großstadt.« Außerdem seien in Georgien einzigartige Sehenswürdigkeiten aus der alten christlichen Geschichte zu bestaunen. »Georgien war das zweite Land, das das Christentum als Staatsreligion angenommen hat im 4. Jahrhundert. Es gibt aus der frühen christlichen Zeit um das 11. Jahrhundert herum erstaunliche Denkmäler.« Darüber hinaus sei die Landschaft Georgiens schlicht überwältigend. Und auch in Sachen Infrastruktur habe sich in den letzten Jahren viel getan. »Georgien ist vielleicht ein etwas ausgefallenes Reiseziel, aber ein sehr lohnendes.«
Zu den berühmtesten Söhnen des Landes gehören sicher Josef Stalin und Eduard Schewardnadse. Zu Stalin sei das Verhältnis zwiespältig. »Er war Georgier, darüber gibt es einen gewissen Stolz. Von mancher Seite wird versucht, die dunklen Seiten von Stalins Herrschaft unter den Tisch zu kehren.« Eine offene, ehrliche Auseinandersetzung mit Stalin habe noch nicht stattgefunden. Das hänge damit zusammen, dass es zum einen in kommunistischer Zeit nicht möglich war, zum anderen damit, dass es seither dringlichere Angelegenheiten als diese gegeben habe. »Aber ich nehme an, das wird noch kommen. Denn Georgien hat unter den großen ›Säuberungen‹ Stalins Ende der 1930er-Jahre sehr gelitten, ein großer Teil der intellektuellen Elite ist ihnen zum Opfer gefallen. Auch im Zweiten Weltkrieg hat Georgien viele Opfer gebracht.« 350 000 Georgier seinen gefallen, was den größten Anteil unter allen Sowjetrepubliken darstellt. Auch zu Schewardnadse sei das Verhältnis gespalten. »Man erkennt an, dass er das Land aus dem Bürgerkrieg geführt hat. Als er 1992 aus Russland zurückkam, war Georgien hoffnungslos zerrüttet. Er hat es geschafft, wieder Ordnung herzustellen, dem Land eine Verfassung und Struktur zu geben. Sein politischer Abgang war jedoch schwierig, er ist quasi aus dem Amt gejagt worden. Denn die Entwicklung hatte wieder stagniert, Korruption hatte sich ausgebreitet.«
Teilweise liest sich Bodens Buch wie ein Polit-Thriller. Mit Bidsina Iwanischwili »regiert« in Georgien derzeit ein Milliardär, der aus dem Hintergrund die politischen Fäden zieht. »Die ganze Region hatte mit der Demokratie westlichen Typs nie zu tun gehabt. Die politische Prägung war sowjetisch.« Heute sei Georgien trotzdem dasjenige Land der Region mit den fortgeschrittensten demokratischen Strukturen. »Dass jemand im Hintergrund mittels Stohmänner regiert, ohne ein politisches Amt innezuhaben oder sich wählen zu lassen, entspricht natürlich nicht unseren Vorstellungen von Demokratie. Aber nach 25 Jahren kann noch nicht alles perfekt sein.«
Trotz all solcher Schwierigkeiten habe Georgien Boden stets vieles gegeben, vor allem menschlich. »Man lernt dort einen alternativen Lebensentwurf kennen. Das bringt einen zum Nachdenken. Die Menschen sind von außerordentlicher Extrovertiertheit, offen, warmherzig. Ich empfand das immer wieder als wohltuend. Es ist einfach ein ganz anderer Lebensstil.« Nicht zuletzt die georgische Küche fand Dieter Boden schon immer fantastisch. Sie allein mache das Land einzigartig.

Dieter Boden
›Georgien – Ein Länderporträt‹
Ch. Links Verlag
ISBN: 978-3-86153-994-0
18 Euro

 

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