Henrik Schwarz ist ein angesagter deutscher Produzent elektronischer Musik. Jüngst erschien sein neues Album ›Scripted Orkestra‹. Das Besondere daran ist die Zusammenarbeit des Künstlers mit einem führenden Orchester der Welt, dem Metropole Orkest aus den Niederlanden. Hierbei wagte sich Schwarz an ein Metier heran, das aus seiner Sicht wieder viel mehr belebt werden müsste: Orchestermusik. Denn sie sei wichtiger Bestandteil der Musikszene. Darum nahm er die Herausforderung an und schrieb Musik für ein Orchester, ohne über fundiertes Notenwissen zu verfügen. Dennoch ist dabei ein mehr als gelungenes Album herausgekommen. Henrik Schwarz verrät friedrich, warum der Spagat zwischen akustischer Performance und computergenerierter Musik so gut funktionierte, und wie es ist, den Ton für ein ganzes Orchester anzugeben.

Foto: Tino Pohlman

Henrik, bei ›Scripted Orkestra‹ arbeitest du mit einem der renommiertesten Orchester der Welt zusammen. Du hast sogar die Musik für diese Profi-Musiker komponiert.
Es ist das erste Mal, dass ich Musik für ein Orchester geschrieben habe. Normalerweise mache ich ja elektronische Musik. Ich habe zwar bereits ein Album mit einem Orchester zusammen produziert, aber da wurde meine elektronische Musik für das Orchester neu arrangiert. Dieses Mal war es so, dass ich mich hingesetzt und eigens Stücke für das Orchester geschrieben habe. Das war für mich etwas komplett Neues und dadurch wirklich aufregend. Es war aber auch ganz richtig, es so herum anzugehen. Denn mit einem Orchester funktioniert der Schaffensprozess ganz anders als bei rein elektronischer Musik.

Hattest du instrumentale Vorerfahrung, als du dich an dieses große Projekt herangewagt hast? Wie ist die Idee zu dieser Zusammenarbeit entstanden?
Bei mir ist es vielleicht wirklich so eine Art Größenwahnsinn gewesen (lacht). Als ich vor fünf Jahren damit angefangen habe, mich mit dem Thema Komposition und Arrangement auseinanderzusetzen, hatte ich überhaupt keine Ahnung. Aber es hat mich einfach unwahrscheinlich interessiert. Und bin ich schon immer ein absoluter Autodidakt gewesen. Meine Musik habe ich bisher immer nach Gehör produziert und gespielt. Vor fünf Jahren habe ich dann gespürt, dass ich mit dem, was ich mir beigebracht habe, eine Grenze erreicht hatte. Ich war an einem Punkt, an dem es nicht weiterging. Also habe ich mich dazu entschlossen, Klavier zu lernen und damit verbunden auch Musiktheorie. Das war schon immer ein Gefühl oder innerlicher Drang, die ich mit mir herumgetragen habe. Wahrscheinlich so, wie es viele andere auch tun.

Dennoch warst du zu diesem Zeitpunkt ja schon sehr erfolgreich als Musiker.
Wenn man sein Geld mit Musik verdient und keine Ausbildung hat, ist das zwar sehr schön und fühlt sich toll an, aber ich fand für mich, dass es endlich an der Zeit war, ein Instrument zu lernen. Es ist vorher irgendwie nie passiert. Es waren also zwei Gründe, die mich dazu bewogen haben. Zum einen habe ich es ohnehin in mir getragen, und zum anderen war es nötig für diese neuen Projekte. Ich kam zu dem Punkt, an dem ich mir sagte: ›Wenn du wirklich weiterkommen willst, musst du auch ein bisschen dafür arbeiten.‹ So habe ich in den letzten fünf Jahren quasi Musik studiert, habe mich sehr viel mit Theorie beschäftigt, habe gelesen und gelernt. Mir war zwar klar, dass ich nach fünf Jahren Klavierunterricht kein Meisterpianist sein würde, aber zumindest habe ich dadurch vieles Musikalische verstanden.

Trotz aller Leichtigkeit beim Erzählen darüber klingt es aber auch anstrengend, dass du neben deinen vielen internationalen Auftritten auch noch intensiv Klavier lernst. Wie hast du das gemeistert?
Ja, es war wirklich sehr mühsam, und die Elektronik ist auch fast auf der Strecke geblieben in den letzten Jahren. Aber jetzt habe ich gerade das Gefühl, dass sich ein Kreis schließt. Ich fühle mich, als hätte ich einiges gelernt.

Wie hat sich denn die musikalische Umsetzung mit einem Orchester gestaltet? Hat es sich in der Praxis bewährt, dass du jetzt über viel mehr theoretisches Musikwissen verfügst?
Ich hatte eine Menge Leute, die mich unterstützt haben. Ich habe immer sehr viele Fragen gestellt, aber auch sehr viel ausprobiert. Anfänglich ging auch einiges in die Hose, aber ich habe unglaublich viele Erfahrungen gesammelt, auch mit meinem vorangegangenen Album. Es war wirklich hart und hat einige Zeit gedauert, und ich kam so manches Mal an meine Grenzen und musste feststellen, dass ich noch sehr viel mehr lernen muss.

Hast du dich hingesetzt und Noten geschrieben, oder wie kann man sich das vorstellen, wenn ein Henrik Schwarz Musik für ein Orchester produziert?
Nein, so war es nicht. Ich habe mich nicht hingesetzt und auf Notenpapier den Score geschrieben. Aber das wollte ich auch gar nicht machen, das ist mir zu oldschool. Mir geht es schon darum, neue Orchestermusik zu erschaffen, bei der die neue Technologie, der Computer, eine große Rolle bei der Produktion spielt. So wie ich elektronische Musik mache, habe ich auch die Orchestermusik produziert. Ich schreibe die Sachen, während sie laufen. Hier habe ich das Orchester so gut es ging simuliert und so die Stücke entwickelt, sodass es bei mir im Studio schon nach Orchester geklungen hat. Als ich zufrieden war, habe ich die Noten exportiert und sie dem Dirigenten gegeben. Er ist ja der Arrangeur und hat alles geprüft, was spielbar ist und was vielleicht auch nicht. Er hat korrigiert, wo es nötig war.

Wie war es, als du dann erstmals mit dem Orchester zusammengekommen bist?
Als dann schließlich der große Tag der ersten Probe anstand, habe ich zum ersten Mal etwas erlebt, was mich selbst überrascht hat. Es war wirklich das allererste Mal, seit ich diese Musik mache, dass es von Anfang an so geklungen hat, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und es fühlte sich verdammt gut an, nach der langen Zeit festzustellen, dass ich endlich einen Weg gefunden habe, etwas auf Papier zu bringen, das dann auch richtig gut funktioniert. Es war ein tolles Gefühl.

Und warum hast du dir ausgerechnet das Metrople Orkestra ausgesucht? War das eine bewusste Entscheidung oder eher zufällig?
Es war kein Zufall, denn das Orchester ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich für sie eine Stunde neuer Musik schreiben würde. Das ist ein Teil ihres Konzepts, neue Musik zu beauftragen und zu spielen. Die sind auch ein wirklich tolles Orchester, das nach neuen Wegen sucht, ohne dabei, wie bei vielen deutschen Orchester üblich, nach hinten zu schauen. So kommt es auch, dass sie sich von Leuten wie mir beispielsweise Musik schreiben lassen. Da mein letztes Album schon sehr mühsam für mich war, habe ich auch zunächst gezweifelt, ob es der richtige Weg für mich sein würde. Aber der Dirigent Jules Buckley hat mich so ermutigt und mir gesagt, dieses Orchester kann das alles spielen, was ich ihnen geben würde. Ich hatte also eine Menge Rückenwind. Bei der Probe hat man gemerkt: Die wollen es echt wissen.

Gibt es für dich einen Lieblingssong auf dem neuen Album, der in deinen Augen besonders gelungen ist?
Ja, ganz klar, es ist der Track ›Gyglili‹. Er ist ganz anders geworden als die anderen Stücke. Den habe ich eher für mich selbst gemacht. ›Gyglili‹ ist ein puristisch programmiertes Stück. Die Platte heißt deswegen auch ›Scripted Orkestra‹, weil kleine Computer-Programme die Noten erzeugt haben, und genau das wollte ich ja auch. Es sollte Musik entstehen, die anders ist, in die neue Technologien und Programmierungen einfließen. Das Stück zu realisieren war unglaublich schwierig. Der Computer hat es ausgespuckt, und wir haben dann versucht, das Monster zu zähmen. Aber der Kampf des Orchesters, dieses Stück in den Griff zu bekommen, hat sich unglaublich gelohnt.

 

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