Fotos: Katherine Biesecke

Vor Kurzem hat die Potsdamerin Katherine Biesecke, Leiterin das Kompetenzzentrums für Taubblinde im Oberlinhaus in Potsdam, ein Buch über das Leben in einem Heim für behinderte Kinder geschrieben. friedrich hat mit der Psychologin und Familientherapeutin gesprochen und mehr über die Hintergründe hierzu erfahren.

Frau Biesecke, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Vor ein paar Jahren war ich mit einem Kollegen aus der Technik in einer der Wohngruppen. Ein kleines Mädchen kam freudig in ihrem Rollstuhl auf uns zu und grüßte mit einem neugierigen: ›Hallo!‹. Ich ging zu ihr, während der Kollege fluchtartig die Gruppe verließ. Vor der Tür erwartete er mich entsetzt und meinte: ›Ich ertrage das nicht. Kinder gehören in ihre Familien und nicht in ein Heim.‹ Wer in einem Heim für Menschen mit Behinderungen arbeitet, kennt diese Reaktionen: Unverständnis, Ablehnung, Entsetzen. Oder Mitleid. So entstand die Idee, das Leben in einem solchen Haus für Außenstehende sichtbarer zu machen. Ich möchte sie einladen, einmal näher hinzusehen und sich ein eigenes Bild zu machen. Es ist ein Haus für Kinder, und genau so sieht es aus: freundliche Wandfarben, Ecken zum Spielen und Kuscheln, Musikwasserbetten, Fernseher. An den Wänden hängen Fotos aus dem Leben der Kinder, oft mit ihren Familien. Viele denken, die Arbeit hier besteht aus Pflege, Ankleiden und Essenreichen. Doch es ist kein Pflegeheim. Wir schaffen Raum für die Entwicklung der Kinder. Hier arbeiten Profis, die wissen, wie man Kinder mit Behinderungen fördert und ihnen das Leben erleichtert. Jedes Kind ist hier willkommen, egal wie behindert es ist. Die Kinder finden hier ein schönes zweites Zuhause.

An wen richtet sich Ihr Buch?
Eigentlich an alle, die einmal hinter die Mauern eines solchen Heimes sehen wollen: Eltern, Auszubildende, Interessierte, auch Kinderärzte, Krankenschwestern und Therapeuten, Pädagogen und Sachbearbeiter.

Welche Schwerpunkte haben Sie in Ihrem Buch gesetzt?
Ich habe Mitarbeitende und Eltern interviewt, die sprechen hier für sich selbst. Außerdem stelle ich einige der Kinder vor. Die Mitarbeitenden berichten sehr ambitioniert von ihrer Arbeit, und es wird deutlich, dass diese auch unter Profis bis heute kaum anerkannt wird. Hier wird sehr menschlich und professionell gearbeitet! Ich beschreibe, was diese Arbeit ausmacht und welches die täglichen Herausforderungen der Kolleginnen sind. Eltern erzählen von ihrem Familienleben mit einem mehrfach behinderten Kind. Sie berichten, wie dessen Geburt ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hat und welcher steinige Weg hinter ihnen liegt. Die Eltern sind ja weiter für ihre Kinder verantwortlich und treffen alle medizinischen, pädagogischen und sozialen Entscheidungen. Das können wir ihnen nicht abnehmen.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Eltern mit einem behinderten Kind konfrontiert?
Die Kinder in diesem Haus sind Wunschkinder. Die Schwierigkeiten traten erst nach der Geburt auf. Wenn das Kind in die Notaufnahme muss, weil es nicht atmet oder der Herzschlag aussetzt, werden Eltern erstmals mit der Angst um das Leben ihres Kindes konfrontiert. Hinzu kommen Schwierigkeiten in der Ernährung: Das Kind trinkt nicht, es schreit viel, und niemand kann es trösten. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein einjähriges Kind, das über Stunden schreit, Tag und Nacht. Keiner kann Ihnen sagen, warum, und Sie haben Angst, dass es verhungert. Ärzte haben frühzeitig oft auch keine sicheren Antworten. Eltern erleben dann eine regelrechte Arzt-Odyssee. Immer wieder müssen Sie neu berichten, sich rechtfertigen und sich anhören, dass die Aussagen des vorherigen Arztes falsch seien. So werden Eltern zu Fachleuten ihrer Kinder. Dann suchen sie nach einer Tagesbetreuung. Das Kind wird oft krank, und an eine Berufstätigkeit beider Eltern ist nicht mehr zu denken. So ist auch nach einem Jahr noch keine Normalität in das Familienleben eingetreten. Immer wieder gibt es neue gesundheitliche Probleme und neue Diagnosen. Für Geschwisterkinder bleibt kaum noch ausreichend Zeit und Zuwendung, und die Paarbeziehung gerät aus dem Blick. Wenn Eltern sich Hilfe holen, bevor die Beziehung der Eltern zerbricht, finde ich das sehr mutig und keineswegs selbstverständlich. Keine Mutter und kein Vater machen sich die Entscheidung, ihr Kind in eine Wohneinrichtung zu geben, leicht. Heim, das ist nach wie vor ein Stigma. Das erschwert den Eltern die Entscheidung zusätzlich.

Was müssen Eltern tun, wenn sie nicht mehr können und Hilfe brauchen?
Oft merken Eltern ja gar nicht, dass sie nicht mehr können. Ein Vater sagte mir, dass er kurz davor war, sich selbst und seinem Kind etwas anzutun. Die immerwährende Belastung ist schleichend, und ihnen wird gar nicht bewusst, wenn sie völlig gestresst sind und keine Erholung mehr finden. Sie wollen ihr Kind bestmöglich versorgen. Wenn das nicht gelingt, ist die Verzweiflung wirklich sehr groß. Dann stellt irgendwann vielleicht jemand die Frage nach einem Wohnheim. Oft eher Außenstehende, die die Schwierigkeiten der Eltern sehen. Sie müssen dann zum Sozialamt gehen. Ihr Kind hat einen Anspruch auf ›Eingliederungshilfe‹, und die wird in Brandenburg vom Sozialamt gewährt. Wenn Sie Pech haben, sitzt Ihnen hier eine Sachbearbeiterin gegenüber, die keinerlei Verständnis für die Situation Ihrer Familie hat und Ihnen das auch vorwirft: ›Sie wollen Ihr Kind abschieben?‹ Das mögen Ausnahmen sein, doch solche Erfahrungen berichteten mir Eltern. Sie müssen Anträge stellen und Widersprüche einlegen. Das ist erst der Anfang und geht oft lebenslang. So lernen Eltern auch, dass sie für die Interessen ihrer Kinder mitunter hart kämpfen müssen. Manchen Familien wird eine Kindertagespflege angeboten. Da kommen 23 Stunden am Tag ausgebildete Krankenschwestern zu ihnen nach Hause. Den Familien hilft das enorm und sie sind nicht mehr allein mit ihren Sorgen. Doch es ist auch eine große Herausforderung, wenn immer jemand Fremdes mit in der Wohnung ist. Ich kenne Eltern, die haben ihr Kind nie selbst gebadet und nie mit ihm gespielt, weil immer jemand da war, der ihnen das abgenommen hat.

Wie lange wohnen denn die Kinder bei Ihnen im Haus?
Sie können bis zum Ende ihrer Schulzeit hier bleiben. Dann müssen die Eltern eine neue Einrichtung suchen. Wer mit sechs Jahren einzieht, verbringt einen Großteil seiner Kindheit hier. Da ist es gut, wenn auch KollegInnen viele Jahre kontinuierlich hier arbeiten und so zu zuverlässigen Bezugspersonen für die Kinder werden.

Und wie ist die personelle Situation?
Es gibt ausreichend Personalstellen, um immer mit zwei bis drei KollegInnen in einer Gruppe mit sechs oder sieben Kinder arbeiten zu können. Im ganzen Haus sind mehr Mitarbeitende als Kinder, doch sie müssen auch drei Dienstschichten abdecken. KollegInnen haben Urlaub oder werden auch mal krank. Dann ist mal nur eine im Dienst mit sechs Kindern. Verglichen mit einer Kita oder einem Heim für Kinder ohne Behinderungen ist das immer noch gut. Die Arbeit im Sozialen Bereich wird ja nicht wirklich gut bezahlt. Die Gehälter in Brandenburg sind geringer als in Berlin, das ist allgemein bekannt. Wer hier arbeitet, wird damit nicht reich. Aber er hat seinen Beruf bewusst gewählt und weiß um die Sinnhaftigkeit seines täglichen Tuns. Die MitarbeiterInnen berichten auch, wie sehr sie ihre Arbeit mögen und warum das so ist.

Katherine Biesecke:
Zu Hause im Heim.
Leben und Arbeit in einer Wohnstätte für Kinder mit Behinderungen
Books On Demand
ISBN: 978-3-74112-6114-5
Taschenbuch 12 €, e-book 3.99 €

 

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