Über 50 Millionen Menschen sind laut dem UNHCR-Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen weltweit auf der Flucht, so viele, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie fliehen vor Krieg, politischer Verfolgung, Folter. Auch vor Armut, vor fehlenden Zukunftsaussichten, vor religiösen Auseinandersetzungen. Sie fliehen mit morschen Booten über das Mittelmeer, mit Hilfe von Schleusern oder auf eigene Faust. Ihre Flucht ist gefährlich, viele sterben dabei qualvoll.
Knapp 400 dieser Menschen wurden im vergangenen Jahr in Potsdam aufgenommen, sie leben in Sammelunterkünften am Schlaatz, in Bornstedt oder im Haeckelkiez. Sogar der eigentlich schon im Jahr 2007 aufgegebene Standort am Lerchensteig muss wieder als Unterkunft herhalten, geplant sind sogar Containerdörfer als Wohnorte für Flüchtlinge.
Dabei ist Potsdam Vorreiter in vielen Belangen der Flüchtlingspolitik. Obwohl das Asylbewerberleistungsgesetz es zulässt, dass Flüchtlinge statt Bargeld zum Einkaufen Gutscheine erhalten, die nur in wenigen, oft teuren Geschäften akzeptiert werden, hat die Landeshauptstadt dieses Gutscheinsystem schon vor Jahren abgeschafft. Flüchtlinge erhalten hier auch Sprachunterricht, obwohl das Gesetz dies so nicht vorsieht; sie haben freie Arztwahl und unterliegen nicht der menschenverachtenden Residenzpflicht, die es ihnen verbietet, sich zu weit von ihrer Unterkunft zu entfernen und außerhalb des Landkreises zu bewegen.
In diversen Veranstaltungen für die Nachbarn der künftigen Unterkünfte informieren Vertreter der Stadt und die Träger der Heime seit Monaten die Anwohner, hören sich die Ängste und Sorgen an. So auch Anfang November in der Voltaireschule in der Innenstadt. Die Aula ist gut gefüllt, auffallend viele ältere Menschen sind gekommen, um zu hören, was in ihrer Nachbarschaft so passieren soll. Es geht um eine neue Sammelunterkunft für 40 Menschen in der Dortustraße. 40 Menschen passen in einen Reisebus, aber, wenn es nach manchen Anwohnern geht, nicht in die Innenstadt. Von den üblichen Ressentiments über »Ausländer, die uns nur die Arbeitsplätze wegnehmen« über »herumlungernde Schwarze auf der Straße« geht es in der Debatte bis hin zur Angst einer Anliegerin, die ihre Physiotherapiepraxis in direkter Nachbarschaft zur neuen Unterkunft vor dem sicheren Ruin sieht.
Elona Müller-Preinesberger, Beigeordnete der Landeshauptstadt für Soziales, Jugend, Gesundheit und Ordnung, hört jedem zu, sie nimmt die Bürger ernst. Bestimmt und deutlich widerlegt sie die Einwürfe, erklärt und beruhigt. Und sie scheint Recht zu behalten: Mitte Dezember zogen die Flüchtlinge ein. In der Unterkunft herrscht Trubel, die Leiterin Frederike Hoffmann vom Internationalen Bund ist im Stress. Ständig klingelt das Telefon, es gibt viel zu organisieren. Aber Konflikte gab es bislang nicht, im Gegenteil. Stattdessen bieten nun viele Nachbarn Hilfe und Spenden an, wollen Deutschunterricht geben und die in der Unterkunft lebenden Familien unterstützen. Sie beleben gemeinsam mit den Flüchtlingen das oft strapazierte Bild der bunten, toleranten Stadt. [Sasse Popp]

Ansprechpartner und Kontakte für Hilfs- und Spendenangebote:

Wohnheim am Nuthetal: Nina Schmitz,
E-Mail: whnuthetal@dwpotsdam.de
Stadtkontor/ Allianz am Schlaatz: Frau Feldmann,
E-Mail: stadtkontor@stadtkontor.de
Wohnungsverbund Haeckelstraße: Frau Hoffmann,
wohnungsverbund-potsdam@internationaler-bund.de
Neue Nachbarschaften: Frau Parteel,
E-Mail: nn@stadtteilnetzwerk.de
Wohnungsverbund Staudenhof: Herr Banoho,
E-Mail: jm.banoho@staudenhof-potsdam.de
Gemeinschaftsunterkunf Dortustraße: Spendenangebote bitte per E-Mail an frederike.hoffmann@internationaler-bund.de.

Informationsportal Herzlich Willkommen in Potsdam!
der Landeshauptstadt Potsdam:
www.potsdam.de/content/herzlich-willkommen-potsdam

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