Es gehört zu den Wahrzeichen Berlins: das ehemalige ›Tacheles‹ in der Oranienburger Straße. Seine Geschichte ist lang und wechselhaft …

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Foto: brt vn krsavnd

Das von 1907 bis 1908 errichtete Gebäude wurde zunächst als Kaufhaus ›Friedrichstraßenpassage‹ eröffnet. Nach dessen Konkurs ein halbes Jahr später mietete Wolf Wertheim den Komplex und eröffnete 1909 ebenfalls ein Kaufhaus – ebenfalls ohne Erfolg: schon bald folgte die Zwangsversteigerung. Ab 1928 stellte AEG in den Räumlichkeiten seine Produkte vor und beriet Kunden; Inhaber war damals die ›Berliner Commerz- und Privatbank‹. Mit der Machtübergabe an Hitler zogen Mitte der Dreißigerjahre die ›Deutsche Arbeitsfront‹ und das ›Zentralbodenamt‹ der SS in das Gebäude. Als hier im Zweiten Weltkrieg französische Kriegsgefangene untergebracht werden sollten, wurden die Dachoberlichter geschlossen und die Dachreiter entfernt. Während der Schlacht um Berlin fluteten die Nationalsozialisten Teile des Kellers – sie stehen noch heute unter Wasser. Ende der Vierzigerjahre übernahm der ›Freie Deutsche Gewerkschaftsbund‹ das Bauwerk, das aber zusehends verfiel. Zahlreiche Mieter folgten: das ›Deutsche Reisebüro‹, eine Artistenschule, eine Hundeschuranstalt und die ›Fachschule für Außenwirtschaft‹; die Nationale Volksarmee nutzte die »Tresorräume« im Keller. In den Fünfzigerjahren beheimatete das Gebäude das Kino ›Camera‹. Dieses wurde trotz geringer Kriegsschäden bald geschlossen, der Kuppelbau gesprengt. Kurz vor seiner vollständigen Sprengung besetzte die Künstlerinitiative ›Tacheles‹ den Bau und trat für dessen Bewahrung ein. Die Kreativen bemalten die Fassade und bauten Skulpturen aus Schutt. Nach der Wende gab es zunächst etliche Kontroversen zwischen Ost- und Westkünstlern. Doch der vom ›Tacheles e.V.‹ betriebene Komplex hatte sich inzwischen zu einem großen Kunst- und Veranstaltungszentrum entwickelt: Im 400 Quadratmeter großen »Blauen Salon« fanden Konzerte und Lesungen statt; der »Goldene Saal«, der die ganze erste Etage einnahm, war ein wichtiger Spielort der freien Theaterszene. Kurz vor der Jahrtausendwende diskutierten Politiker, Soziologen, Architekten und die Künstler über den Erhalt der Kulturstätte. Nach zähen Verhandlungen und besitzrechtlichen Streitigkeiten wurde das Haus nochmals zwangsversteigert und am 4. September 2012 endgültig geräumt. Einige Künstler haben eine interaktive Online-Galerie erstellt, um hier das ›Tacheles‹ digital weiterleben zu lassen.
2013 bauten Künstler aus Frankreich, Italien, Indien und Lateinamerika Ställe und Baracken im Bezirk Marzahn an der ›Neuen Börse‹ in der Beilsteiner Straße und an der Marzahner Chaussee aus. Im neuen ›Tacheles‹ arbeiten heute Maler, Musiker, Keramiker, Kunsthandwerker und Fotografen. Es ist geplant, auf dem Gelände ein Kino, einen Konzertsaal und eine Brauerei zu errichten. Auch wenn das alte ›Tacheles‹ mit seinem Charme nicht ersetzbar ist, lebt es dennoch weiter.

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